Wir hoffen Euch mit diesem umfassenden Artikel einen guten Einblick in wie war das eigentlich max von der grün beantworten wir im heutigen Beitrag. Wenn Ihr noch mehr Anregungen oder Bemerkungen habt, hinterlasst uns bitte einen Kommentar.

Transkript

1 dtv

2 »Max von der Grün verbindet seine eigene Biographie mit zeitgeschichtlicher Dokumentation zu einer interessanten Synthese. Vom Geburtsjahr 1926 an wird neben der Geschichte des Kindes Max und seiner Familie Schritt für Schritt und Jahr für Jahr die Entwicklung des Nationalsozialismus beschrieben. Die Auswahl der ungemein zahlreichen Dokumente gibt dem Leser einen umfassenden Einblick in alle Lebensbereiche der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Der Autor erzählt in bewußt schlichtem Stil ausführlich auch nebensächlich erscheinende Kleinigkeiten, um das Bild der damaligen Zeit nicht als Kolossalgemälde, sondern als gestochen scharfe Photographie entstehen zu lassen… Das Buch sollte wegen seines redlichen und gerechten Bemühens um die Wahrheit über das >Tausendjährige Reich< zur Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht werden.«(süddeutsche Zeitung) Max von der Grün wurde am 25. Mai 1926 in Bayreuth geboren, absolvierte eine kaufmännische Lehre, war Soldat und drei Jahre in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Von 1948 bis 1951 im Baugewerbe, von 1951 bis 1964 im Bergbau tätig, lebt er seitdem als freier Schriftsteller in Dortmund.

3 Max von der Grün Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich Mit einer Dokumentation im Text von Christel Schütz und einem Nachwort von Malte Dahrendorf Deutscher Taschenbuch Verlag

4 Abkürzungen: ADGB Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund Afa-Bund Allgemeiner freier Angestelltenbund BDM Bund Deutscher Mädel Gestapo Geheime Staatspolizei HJ Hitler-Jugend KPD Kommunistische Partei Deutschlands KZ Konzentrationslager MR Ministerialrat NS Nationalsozialismus NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ORGR Oberregierungsrat PG Parteigenosse (der NSDAP) RMdI Reichsministerium des Innern SA Sturmabteilung SS Schutzstaffel SD Sicherheitsdienst SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands Ungekürzte Ausgabe September Auflage Februar Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München Erstveröffentlichung: Darmstadt und Neuwied 1979 Umschlagkonzept: Balk & Brumshagen Umschlagfoto: Ullstein Bilderdienst (rechts), Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin Gesamtherstellung: Drückerei C. H. Beck, Nördlingen Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier Printed in Germany – ISBN

5 1926 Natürlich kann man sich seine Eltern, und die Zeit, in die man hineingeboren wird, nicht aussuchen. Ich kam 1926 auf die Welt und habe mich oft gefragt, wie war das eigentlich damals, acht Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, den die Deutschen verloren? Der Kaiser mußte abdanken und floh nach Holland, die Republik wurde 1918 ausgerufen, die in die Geschichte als die Weimarer Republik einging. Geboren wurde ich in Bayreuth, im Stadtteil St. Georgen. Vom Fenster unserer Wohnung sah man auf das Zuchthaus. Meine Mutter war 25 Jahre alt und Dienstmagd, wie es damals hieß, mein Vater war 26 Jahre alt und Schuhmachergeselle. Meine Mutter verdiente 20 Reichsmark im Monat, bei freier Kost und freiem Wohnen, dafür arbeitete sie Stunden am Tag, im Sommer und Herbst zur Ernte manchmal noch länger. Jeden zweiten Sonntag hatte sie frei, aber in der Erntezeit mußte sie auch auf ihren freien Sonntag verzichten. Mein Vater arbeitete in Schuhmacherwerkstätten auf Abruf. Wenn er Glück hatte, bekam er drei oder sogar vier Tage Arbeit in der Woche, meistens aber nur zwei Tage, und ihr gemeinsam verdientes Geld reichte nicht aus, um sich eine Wohnung zu mieten. Als ich geboren wurde, wollte meine Mutter ihre Arbeit nicht verlieren, und so wuchs ich bei meiner Großmutter im Fichtelgebirge (unweit der tschechischen Grenze, 60 km nördlich von Bayreuth) auf, mit allen Onkeln und Tanten, die noch im Haus waren und erst später heirateten. Sie waren, wenn sie überhaupt Arbeit hatten, in der Porzellanindustrie beschäftigt. Hatten meine Eltern im Jahr meiner Geburt schon von Hitler gehört? Ich bezweifle es, und wenn doch, dann haben sie ihn, wie die meisten Deutschen, nicht ernst genommen. Für sie war er ein Verrückter und Schreihals, der eine neue Partei gegründet hatte und viel Wind machte, um neue Mitglieder zu gewinnen. Er schimpfte auf andere und versprach natürlich das Blaue vom Himmel herunter.»adolf Hitler war der Sohn eines österreichischen Zollbeamten. Mit vierzehn Jahren verlor er den Vater. Nachdem er einige Jahre die Realschule in Linz besucht hatte, versuchte

6 er vergeblich, zum Studium an der Wiener Kunstakademie aufgenommen zu werden. Als das mißlang, verzichtete er auf eine ordentliche Berufsausbildung und verdiente sein Brot von 1909 bis 1913 in Wien mit Gelegenheitsarbeiten, wobei er in einem Armenhospital wohnte. In diesen Jahren bildete sich seine Gesinnung. Von einem berühmten Dasein als Maler und Architekt träumend, fühlte er sich trotz seines ärmlichen Daseins nicht als Proletarier. Unter dem Einfluß von zwei Wiener Volksbewegungen wurde er von einem Haß gegen Gewerkschaften und Sozialisten sowie vom Antisemitismus ergriffen. Bei Kriegsausbruch 1914 war er in München. Er meldete sich kriegsfreiwillig. In der Truppe fand er erstmalig den Rückhalt und die Ordnung, die er bisher nicht gekannt hatte. Als Meldegänger an der Westfront erhielt er das EK II und EK I. Bei Kriegsende lag er gasblind in einem Lazarett in Pommern, wo er >beschloß, Politiker zu werden<. […] Im Auftrag der bayerischen Reichswehrführung wurde er als politischer Agent (V-Mann) zur Propagandatätigkeit innerhalb und außerhalb der Truppe geschult und eingesetzt. In dieser Tätigkeit stieß er zur Deutschen Arbeiterpartei, deren Ausbau und Organisation er übernahm und die in Bayern bald eine wachsende Zahl von Anhängern gewann gab er der Bewegung den Namen Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Im Programm der Partei von 1920 verbanden sich nationale Forderungen (Gleichberechtigung Deutschlands, Erwerb von Kolonien, Anschluß Österreichs) mit ausgesprochen sozialistischen Gedanken (Verstaatlichungen, Bodenreform, Gewinnbeteiligung der Arbeiter, Brechung der Zinsknechtschaft). Damit waren alle Schichten angesprochen. Auch war der Antisemitismus als Forderung im Parteiprogramm enthalten (die Juden sollen die Staatsbürgerrechte verlieren).«[krautkrämer/radbruch, Wandel der Welt] Mein Vater erzählte mir, ihn habe Hitlers Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) erst beunruhigt, als die Schlägereien in Wirtshaussälen bei Kundgebungen und Wahlveranstaltungen zunahmen, wo man Andersdenkende skrupellos und brutal niederknüppelte, niederschrie und aus dem Saal warf. Der Schlachtruf der Nazis:»Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein«, wurde nur zu oft in die Tat umgesetzt. Ein Arbeiter verdiente zu dieser Zeit in der Woche durch-

7 schnittlich 33,90 Reichsmark; das Existenzminimum für eine zweiköpfige Familie aber betrug 45,60 Reichsmark. Die Arbeitszeit hatte sich seit 1918, dem Ende des Ersten Weltkrieges, nicht verringert, im Gegenteil, sie war gestiegen. Die großen Arbeiterparteien hatten im Jahre 1926, im Jahr meiner Geburt, zahlende Mitglieder; davon entfielen auf die KPD, die Kommunistische Partei Deutschlands, und auf die Sozialdemokraten (SPD) Mitglieder. Bis zum Jahre 1933 sank die Zahl der zahlenden Mitglieder der KPD, während die der Sozialdemokraten beinahe an die Millionengrenze stieg. In den freien Gewerkschaften waren fast vier Millionen Arbeiter organisiert, die christlichen Gewerkschaften hatten über Mitglieder wurde Joseph Goebbels, der sich 1922 den Nationalsozialisten angeschlossen hatte, Gauleiter in Berlin. Gauführer wurde man in der Regel dann, wenn man eine neue Ortsgruppe der NSDAP gründete und organisierte. Der größte Teil der Gauleiter war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht zu Beruf oder Studium zurückgekehrt, sondern hatte sich in verschiedenen Frontkämpferbünden und Freikorps aktiv betätigt. Viele waren bei dem Versuch, in das Berufsleben zurückzufinden, gescheitert, abgebrochene Berufsausbildungen waren beinahe die Regel, und nur wenige, wie Joseph Goebbels, hatten ein abgeschlos-

8 senes Hochschulstudium hinter sich. Goebbels sollte, nach Hitlers Willen, die Arbeiterviertel für den Nationalsozialismus erobern. Ebenfalls im Jahr 1926 erschien ein Buch, das später den Nazis haargenau ins Konzept paßte:»volk ohne Raum«von Hans Grimm. Grimm fordert in seinem Buch die Arbeitenden auf, sich der nationalen Sache anzuschließen, und sich auf die Eroberung neuen Lebensraumes einzustellen. Dieses Buch wurde, neben Adolf Hitlers»Mein Kampf«, das ideologische Handbuch schlechthin und, als Hitler an der Macht war, in den Schulen Pflichtlektüre. Das also war die Zeit, in die ich hineingeboren wurde. Ein Kind armer Eltern, die nur eine große Sorge kannten: wie werden wir morgen satt? Aber auch das Sattwerden, und das wußten sie nicht, war ja eine politische Frage. Es herrschte Armut in Deutschland, wir hatten noch kein elektrisches Licht, an der Decke hing eine Petroleumlampe, die nur in dringenden Fällen angezündet werden durfte, weil wir mit jedem Pfennig rechnen mußten. Wir hatten für vier Familien im Haus ein einziges Plumpsklo, also ohne Wasserspülung. Meine Großmutter oder eine Nachbarin schütteten jeden Tag mindestens einmal einen Eimer heißes Wasser in die Abflußröhre und streuten Kalk hinein, damit es an heißen Tagen nicht so stank. Aber es stank trotzdem. Fleisch gab es nur jede zweite Woche einmal. Die Hauptmahlzeiten bestanden aus gewässerten Salzheringen. Ich bekam als Kind immer nur den Schwanz, zum Ausgleich dafür aber viel Kartoffeln. Das machte satt, das heißt, der Bauch wurde voll. Später, als ich schon zur Schule ging, hielt ich mir Stallhasen, manchmal bis zu 30 Stück, die ich entweder verkaufen konnte oder wir schlachteten selbst einen, damit mal wieder Fleisch auf den Tisch kam. Die Öfen in den Wohnungen wurden überwiegend mit Holz gefeuert, das wir im Handwagen aus dem nahen Wald holten. Die Holzstöße in den Gärten und Höfen verrieten, ob und wie die Leute für den Winter vorgesorgt hatten. Die Winter im Fichtelgebirge waren lang und kalt. Auf Parteiveranstaltungen sprach Adolf Hitler von der Zukunft der Deutschen, vom großen deutschen Volk, das erst dann frei sein würde, wenn es sich von den Juden freigemacht habe.

9 Das waren deutliche Worte, die man auch damals schon nachlesen konnte. Hitlers Buch»Mein Kampf» gab es schon seit 1925, das Programm seiner Partei war bereits 1920 veröffentlicht worden. Darin hieß es:»wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses.Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.«die»juden-frage«war von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Die Judenverfolgung und schließlich die Judenvernichtung waren keine»entartung«des Nationalsozialismus, sondern gehörten notwendig zu seiner Weltanschauung.»Nun war zweifellos Adolf Hitler nicht der Erfinder des Antisemitismus, der vielmehr eine jahrhundertealte weltgeschichtliche Erscheinung darstellt. Hitler war aber der Ideologe, der dem Antisemitismus die bislang schärfste Wendung ins Biologische gab und als Politiker entschlossen war, aus diesem rassisch verstandenen Antisemitismus die letzte Konsequenz zu ziehen.«[…j»schon in der Theorie verband Hitler die Aufgabe einer Eroberung neuen Lebensraumes im Osten mit dem Gedanken einer physischen Ausrottung des europäischen Judentums, dessen Mutterboden ja gerade jene osteuropäischen Gebiete darstellten, die Hitler für Deutschland erobern wollte. Und so sprach er denn kurz vor der Entfesselung des Krieges nochmals öffentlich aus, was er schon in >Mein Kampf> prophezeit hatte, daß ein kommender Krieg nicht die Vernichtung Deutschlands, wohl aber die Vernichtung des Judentums in Europa bringen würde.«[walther Hofer] Hitler forderte weiter eine»deutsche«presse. Alle Mitarbeiter an Zeitungen sollten Deutsche (Nicht-Juden) sein, und die Weichen für die spätere Bücherverbrennung stellte er schon mit den Worten:»Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben ausübt, und die Schließung von Veranstaltungen, die gegen vorstehende Forderung verstoßen.«er allein wollte bestimmen, was als Kunst und Literatur zu

10 10 gelten hatte. Er forderte die absolute staatliche Zensur. Hitler hatte sich das Hakenkreuz als Symbol gewählt. Ein indogermanisches Zeichen, das schon früher auf den Stahlhelmen der sogenannten Freikorps aufgetaucht war. Die Fahne zeigte auf rotem Grund ein weißes Feld, auf dem sich schwarz das Hakenkreuz abhob.»schon bevor Hitler 1933 an die Macht kam, setzte seine Partei bei jeder Gelegenheit ihre Fahne im Stil moderner Reklamestrategie als >Warenzeichen> ein. Bei Parteitagen und Aufmärschen, die häufig waren, bei Versammlungen und Wahlveranstaltungen: Immer war die Fahne und zusätzlich auf Armbinden das Hakenkreuz zu sehen. Und die Zeit war günstig, der Bevölkerung mit dem immer gleichen Abzeichen das Programm der NSDAP nahezubringen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Sieger im Friedensvertrag von Versailles Deutschland mit hohen und drückenden Zahlungsverpflichtungen belegt. Vom deutschen Reichsgebiet waren im Osten und Westen Teile abgetrennt worden, auch solche mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung. Das verletzte den Nationalstolz.«[Gerold Anrich]

11 Deutschland trat 1927 dem internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag (Holland) ohne Vorbehalt bei. Das war wichtig, weil das deutsche Reich mit diesem Schritt erstmals nach dem Ersten Weltkrieg wieder internationale Achtung erfuhr, indem es sich internationalen Regeln unterwarf. Doch im Innern des Landes gärte es. Die Hetze gegen Künstler, deren Produkte sich nicht mit dem falsch verstandenen nationalen Denken vereinbaren ließen, begann schon früh. Zu allen Zeiten haben sich Reaktionäre, die den Lauf der Geschichte zurückdrehen wollten, in erster Linie an Künstlern, Dichtern und Journalisten zu rächen versucht. Diese standen immer und stehen heute wieder (wenn man an Heinrich Böll denkt, dem man nachsagt, Sympathisant von Terroristen zu sein) in der Schußlinie derer, die künstlerische Aussagen nur gutheißen, wenn sie sich mit der eigenen politischen Anschauung decken. Was nicht in ihr politisches Weltbild paßte, das war, wie man heute sagt,»nestbeschmutzung«. Damals kannte man das Wort noch nicht, sondern nannte es:»diffamierung des deutschen Volkes«wobei die Rechten für sich in Anspruch nahmen, daß allein sie das deutsche Volk darstellten. Die Nationalsozialisten prägten zu diesem Zweck Begriffe wie»entartete Kunst«und, noch schlimmer,»nichtarische Kunst«. Zu allen Zeiten wurde an der Geschichte herumgestrickt, damals wie heute. Jeder legte sich Geschichte so zurecht, wie sie seinen politischen Vorstellungen entsprach. In den Zwanziger Jahren versuchte man, Erklärungen für die militärische Niederlage von 1918 zu finden. Da aber die alten Militaristen und rechten Politiker nicht zugeben konnten, daß sie Millionen Menschen durch ihre Politik sinnlos in den Tod gehetzt hatten, fand man eine andere Erklärung für die Niederlage Deutschlands: der politisch linksstehende Teil der Bevölkerung in der Heimat sei dem»im Felde unbesiegten Frontheer«gleich einem Dolchstoß in den Rücken gefallen. Das Wort»Dolchstoß«wurde zum politischen Begriff. Es wurde zum Lieblingsschlagwort Hitlers, daß»die Heimat den Soldaten in den Rücken gefallen sei«. Im Volk als Kriegsheld geachtet, wegen seiner Verbindung

12 12 zum Reichspräsidenten Hindenburg (mit dem er seit der Schlacht bei Tannenberg gegen die Russen die militärischen Operationen geleitet hatte), war der General Erich Ludendorff, der einer der übelsten Kriegstreiber gewesen war. Er wollte schon 1923 mit Hitler die Demokratie in Bayern stürzen.

13 Das Schlagwort»Novemberverbrecher«wurde von den 13 Rechten als politisches Kampf mittel gegen diejenigen verwendet, die die Erfüllung des Versailler Vertrages und den parlamentarischen Verfassungsstaat bejahten gründete Ludendorff den»tannenberg-bund«zum Kampf gegen die»überstaatlichen Mächte«, wie er die Freimaurer, Juden, Jesuiten und Marxisten nannte. Hitler hatte sich von Ludendorff helfen lassen, wie er sich von allen helfen ließ, von denen er glaubte, daß sie ihm den Weg zur Macht ebnen konnten. Ludendorff galt den Rechten in der Republik als der richtige Mann, und so sagten sie sich, wenn er mit Hitler paktiere, könne Hitler doch gar nicht so schlecht sein erschien auch die endgültige Fassung des»programms der NSDAP«. Es war jedem zugänglich und jeder hatte die Möglichkeit, sich darüber seine Gedanken zu machen. Es war durchaus nicht so, daß die Nazis je ein Geheimnis aus ihren Absichten gemacht hätten. Die politisch Uninteressierten, die sich darauf bezogen, mit ihren eigenen Angelegenheiten genug zu tun zu haben, haben das Programm bestimmt nicht gelesen. Und damals wie heute sagen sie, wenn politische Katastrophen hereinbrechen, sie hätten nichts davon gewußt oder geahnt. Ich weiß von meiner Mutter, daß die unterschiedlichen Meinungen über Adolf Hitler, dessen Wirken seit 1927 nicht mehr zu übersehen war, oft quer durch die Familien gingen. Die einen waren für ihn, weil er Arbeit, und Deutschland»Größe«versprach, die anderen waren gegen ihn; nicht etwa weil sie sein Programm kannten und ablehnten, nein, sie waren instinktiv gegen ihn, ohne ihre Ablehnung begründen und in Worte fassen zu können. Aber aus den Worten Hitlers konnte man schon früh heraushören, was er wollte: nämlich die absolute Herrschaft nicht nur über Deutschland, nicht nur über ganz Europa, was die Unterjochung anderer Völker einschloß, sondern über die ganze Welt. Meine Großmutter, meine Mutter und ihre Geschwister haben das, wie viele andere, nicht erkannt, nur mein Großvater blieb skeptisch, und manchmal sagte er leise, daran erinnere ich mich genau:»der Mann bringt Unglück.«

14 Meine Großmutter erzählte, daß vielen Bauern damals der Grund und Boden unter den Füßen wegversteigert wurde, weil sie nicht mehr in der Lage waren, ihre Steuern oder die hohen Hypothekenzinsen zu bezahlen. Zwei meiner Onkel wurden 1928 arbeitslos. Manchmal hatten sie Glück, und konnten sich für ein oder zwei Tage in der Woche verdingen, dann mußten sie aber mit dem Lohn zufrieden sein, der ihnen angeboten wurde, um meiner Großmutter wenigstens ein paar Mark als Kostgeld geben zu können. Auch sie hatten natürlich nicht die Möglichkeit, sich ein eigenes Zimmer zu mieten, sondern schliefen zu Hause in einer notdürftig ausgebauten Kammer unter dem Dach. In diesem Jahr gab es in Deutschland einen Rekord ganz eigener Art: die Höchstzahl der gleichzeitig Streikenden betrug Obwohl die Arbeiter sich bewußt waren, welches Risiko sie mit dem Streik auf sich nahmen, überwog doch die Verbitterung, daß man ihnen ihren gerechten Lohn vorenthielt, während die Unternehmen schon wieder kräftige Gewinne abwarfen. Dabei sah es in der deutschen Politik gar nicht so übel aus, denn bei den Reichstagswahlen erreichten die beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD zusammen 42% aller Stimmen, und die SPD stellte auch den Reichskanzler Hermann Müller. Noch war die SPD stärkste Partei mit über neun Millionen Wählern, während die Nationalsozialisten nur Stimmen erhielten. Deutschland hatte ein funktionsfähiges Parlament, und es sah alles nach einer dauerhaften, stabilen Demokratie aus. Deutscher Geist wurde in der Welt wieder geachtet, deutsche Wissenschaftler genossen Weltruf, auf dem Gebiet der Architektur wurde Deutschland führend, und die Reichshauptstadt Berlin war zu einem kulturellen Weltzentrum geworden. Im August 1928 wurde der»briand-kellog-pakt«vom Deutschen Reich unterzeichnet, was ebenfalls dazu beitrug, das Ansehen Deutschlands vor der Weltöffentlichkeit zu vergrößern. Die vertragschließenden Länder erklärten darin, daß sie den Krieg zur Lösung ihrer Probleme und Konflikte verurteilten.

15 Art. I. Die Hohen Vertragschließenden Parteien erklären feier- 15 lich im Namen ihrer Völker, daß sie den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle verurteilen und auf ihn als Werkzeug nationaler Politik in ihren gegenseitigen Beziehungen verzichten. Art. II. Die Hohen Vertragschließenden Parteien vereinbaren, daß die Regelung und Entscheidung aller Streitigkeiten oder Konflikte, die zwischen ihnen entstehen könnten, welcher Art oder Ursprungs sie auch sein mögen, niemals anders als durch friedliche Mittel angestrebt werden soll. [Ursprünglich unterzeichnet von den USA, Frankreich, Belgien, Deutschland, Großbritannien, den britischen Dominions und Irland, Italien, Japan, Polen und der Tschechoslowakei. Bis Ende 1929 traten dem Pakt 54 Staaten (darunter am die UdSSR) bei.] Ende des Jahres wurde Alfred Hugenberg ( ) Vorsitzender der»deutschnationalen Volkspartei«. Von da an wurde im Reichstag scharfe nationalistische Oppositionspolitik betrieben. Hugenberg war ein ganz strammer Nationalist, der von 1909 bis 1918, also auch in den entscheidenden Kriegsjahren, Vorsitzender des Krupp-Direktoriums war. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er Zeitungen und Filmgesellschaften, wie z. B. die UfA und übte dadurch einen großen Einfluß auf die Öffentlichkeit aus. Er war es auch, der schließlich alle rechten Parteien in Deutschland zusammenfaßte, und mit Hitler 1931 die Harzburger Front bildete. Ein Beispiel aus seiner Zeitung»Der Tag«mag die volksverhetzende Tendenz belegen:»wir hassen mit ganzer Seele den augenblicklichen Staatsaufbau, seine Form und seinen Inhalt, sein Werden und sein Wesen. Wir hassen diesen Staatsaufbau, weil in ihm nicht die besten Deutschen führen, sondern weil in ihm ein Parlamentarismus herrscht, dessen System jede verantwortungsvolle Führung unmöglich macht… Wir hassen diesen Staatsaufbau, weil er uns die Aussicht versperrt, unser geknechtetes Vaterland zu befreien und das deutsche Volk von der erlogenen Kriegsschuld zu reinigen, den notwendigen Lebensraum im Osten zu gewinnen, das deutsche Volk wieder frei zu machen, Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handwerk gegen den feindlichen Wirtschaftskrieg zu schützen und wieder lebensfähig zu gestalten. Wir wollen einen starken Staat,

16 in dem die verantwortungsvolle Führung der Beste hat und nicht verantwortungsloses Bonzen- und Maulheldentum führt.«

17 Meine Mutter hatte in der Nähe von Bayreuth eine Stelle als J Dienstmagd gefunden, wo ihr vom Dienstherrn gestattet wurde, mich, den Dreijährigen, mit auf den Hof zu nehmen. Mein Vater war auf Wanderschaft (auf der Walz, nannte man das) und klopfte bei Schuhmachern um Arbeit an. Manchmal bekam er auch für ein, zwei oder drei Tage Arbeit, bezahlt wurde jedoch wenig. Meist arbeitete er nur für Essen, Trinken und für eine Schlafstelle. Das Essen wiederum war dürftig genug, schließlich hatten diese Schuhmacher mit eigener Werkstatt selbst nicht viel. Im Sommer und Herbst wurde es erträglicher, da konnte man in den Wald gehen, Beeren pflücken und sie für ein Spottgeld an Händler verkaufen. Für ein Pfund Blaubeeren wurden drei bis fünf Pfennige, für ein Pfund Preiselbeeren acht bis zwölf Pfennige, für ein Pfund junger Steinpilze zehn bis zwanzig Pfennige bezahlt. Pilze und Beeren gab es in den Wäldern meiner Heimat reichlich. Ich wuchs mit den Kindern des Bauern auf, und weil ich ein zusätzlicher Esser war, wurde meiner Mutter ein Teil ihres verdienten Geldes wieder abgezogen. Es war damals noch üblich, daß Dienstboten so etwas wie einen Jahresvertrag hatten, der zwischen Bauer und Dienstboten per Handschlag geschlossen wurde. An eine andere Arbeitsstelle zu wechseln, war nur»maria Lichtmeß«, also am 2. Februar jeden Jahres möglich. Meine Mutter besaß nur ein Paar Lederschuhe für die Kirche am Sonntag oder für den Tanz im Wirtshaussaal, sonst lief sie das ganze Jahr ohne Strümpfe in Holzschuhen. Die Arbeit auf dem Hof richtete sich nicht nach der Uhr, sondern nach Sonne und Regen, Sommer und Winter. Sechzehn Stunden am Tag zu arbeiten war, insbesondere in der Erntezeit nichts Außergewöhnliches. Die Bauern hatten noch keine Traktoren und kaum Maschinen, alle Feldarbeit wurde mit Pferden gemacht. Die Kinder des Bauern, nicht älter als neun Jahre, mußten auf den Feldern, im Stall und im Haus mitarbeiten. Niemand scherte sich um das Verbot von Kinderarbeit. Je mehr Kinder man hatte, desto mehr Arbeitskräfte, die nichts kosteten.

18

19 19 Ein Eisenbahnwaggon als Wohnraum für eine achtköpfige Familie. Im Frühjahr 1929 nahmen die politischen Unruhen zu. Im März verbot der preußische Innenminister öffentliche Versammlungen und Umzüge unter freiem Himmel. Trotz Aufrechterhaltung dieses Verbots durch den Berliner Polizeipräsidenten Zörgiebel, SPD, folgten am 1. Mai etwa Arbeiter dem Aufruf der KPD zu einer friedlichen Demonstration, obgleich SPD und Gewerkschaften dazu aufgerufen hatten, sich an das Verbot zu halten. Es kam zu blutigen Ausschreitungen der Polizei gegenüber den Demonstranten. Nach offizieller Darstellung waren natürlich die Demonstranten an dem Blutbad schuld und die Polizisten unbeteiligt. Man sprach von Barrikadenkämpfen der Demonstranten untereinander, aber Augenzeugenberichte und Pressemeldungen hörten sich anders an. Es ist erwiesen, daß die Polizei sogar auf Menschen schoß, die nur aus den Fenstern schauten oder sich über Balkone beugten, belegt ist, daß sogar Hausfrauen, die nur zum Einkaufen gingen, erschossen wurden; insgesamt fanden 31 Menschen den Tod, die Zahl der Verletzten ging in die Hunderte, über 1200 Arbeiter wurden verhaftet.

20 20 Seit 1890 war der 1. Mai der internationale Festtag der Arbeiter. Der 1. Mai 1929 wurde zur blutigsten Maifeier in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Der Schriftsteller Erich Weinert ( , Mitbegründer der Zeitschrift»Linkskurve«) schrieb über diesen 1. Mai das nachfolgende ironische Gedicht. Erich Weinert Das Wunder vom 1. Mai 1929 Die Schupo stand voll Todesmut Im Kampf mit den roten Verbrechern; Die schossen nämlich in toller Wut Von allen Löchern und Dächern. Doch die Schupo stand und wankte nicht. So steht es im Polizeibericht. Viel tausend Kugeln sausten vorbei, Doch die Polizei Blieb ruhig dabei Und machte höflich die Straße frei. Da sprach der Kommandeur von Berlin, Man hörte die Stimme beben:»nun müssen wir doch die Pistolen ziehn, Sonst bleibt kein Schupo am Leben! Doch bitte schießt nicht auf Menschen! Ihr wißt, Daß ein Schreckschuß ebenso wirkungsvoll ist.«nun schoß man ein Schüßchen oder zwei. Und die Schießerei War bald vorbei. So vornehm benahm sich die Polizei. Und als man dann das Schlachtfeld besah, Da waren viel Tote zu melden; Und hundert Verwundete lagen da. Da haben die Schupoheiden Den letzten Rest ihrer Mannschaft gezählt. Und siehe kein einziger Schupo fehlt! Hundert Proleten in einer Reih! Von der Polizei War keiner dabei! Das war das Wunder vom Ersten Mai.

Top 8 wie war das eigentlich max von der grün tổng hợp bởi sale

Grün, Max von der aus dem Lexikon | wissen.de

  • Autor: wissen.de
  • Einreichungsdatum: 02/05/2022
  • Bewertung: 4.89 (858 vote)
  • Zusammenfassung: … und Jugendbücher („Vorstadtkrokodile“ 1976; „Wie war das eigentlich? … Der aus Bayreuth stammende Max von der Grün (* 1926), seit 1951 Bergmann im …

Max von der Grün – Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren

  • Autor: lexikon-westfaelischer-autorinnen-und-autoren.de
  • Einreichungsdatum: 12/22/2021
  • Bewertung: 4.61 (454 vote)
  • Zusammenfassung: von J. Jung. München 1976: Rotkäppchen – Der Traumschrank. Luchterhand-Kinder-Buch. Darmstadt, Neuwied 1976: Günters Schulfahrt – Wie war das mit dem lieben …

Max von der Grün – Referat

  • Autor: lerntippsammlung.de
  • Einreichungsdatum: 01/27/2022
  • Bewertung: 4.26 (597 vote)
  • Zusammenfassung: Referat zum Thema „Max von der Grün“ – kostenlos! … Wie war das eigentlich? , Darmstadt…geschrieben1979. Etwas außerhalb der Legalität und anderen …

Max von der Grün (Autor) | Lebenslauf, Biografie, Werke – Wortwuchs

Max von der Grün (Autor) | Lebenslauf, Biografie, Werke - Wortwuchs
  • Autor: wortwuchs.net
  • Einreichungsdatum: 10/27/2022
  • Bewertung: 4.18 (261 vote)
  • Zusammenfassung: Max von der Grün (1926-2005) war ein deutscher Schriftsteller. … Wenn der tote Rabe vom Baum fällt (1975); Wie war das eigentlich?
  • Suchergebnisse: Der Schriftsteller war im Jahr 1961 an der Gründung der Dortmunder Gruppe 61 beteiligt. Außerdem war er seit 1964 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, der er bis zu seinem Tod zur Verfügung stand. 1986 wurde er als Beisitzer in …

Max von der Grün: Wie war das eigentlich? – Kindheit und Jugend im Dritten Reich

  • Autor: medimops.de
  • Einreichungsdatum: 01/21/2022
  • Bewertung: 3.85 (352 vote)
  • Zusammenfassung: Max von der Grün: Wie war das eigentlich? – Kindheit und Jugend im Dritten Reich von Grün, Max von der Taschenbuch bei medimops.de bestellen.

„Arbeiterdichter“: Max von der Grün ist tot

  • Autor: spiegel.de
  • Einreichungsdatum: 06/26/2022
  • Bewertung: 3.6 (536 vote)
  • Zusammenfassung: „Wie war das eigentlich?“ (1979), sein Buch über Struktur und Funktion des Faschismus, überzeugte schließlich auch das Fachpublikum. Mit dem …

Wie war das eigentlich ? – Kindheit und Jugend im Dritten Reich

  • Autor: geschichte-im-roman.de
  • Einreichungsdatum: 03/09/2022
  • Bewertung: 3.47 (379 vote)
  • Zusammenfassung: Ereignisse: Max von der Grün wird 1926 in der Nähe von Bayreuth geboren, seine Mutter war Dienstmagd, sein Vater war Schuster. Er beschreibt das Leben …

Autorenporträt zu Max von der Grün – Bavarikon

  • Autor: bavarikon.de
  • Einreichungsdatum: 01/15/2022
  • Bewertung: 3.25 (339 vote)
  • Zusammenfassung: Max (Martin) von der Grün, aus dem (verarmten) fränkischen … richtet sich auch die stark beachtete Textcollage Wie war das eigentlich?
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Tech. Setzte ein Lesezeichen permalink.