Wir hoffen Euch mit diesem umfassenden Artikel einen guten Einblick in zentrum für umfragen methoden und analysen mannheim beantworten wir im heutigen Beitrag. Also ohne viel Aufhebens, lassen Sie uns eintauchen und mehr darüber herausfinden.

Transkript

1 ZUMA Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen

2 Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen November 1994

3 2 Impressum Herausgeber: Zentrum tur Umfi-agen, Methoden und Analysen (ZUMA) ZUMA ist Mitglied der Gesellschaft Sozialwissenschafilicher Infrastruktureinrichtungen e.v. (GESIS) Vorsitzender des Trägervereins ZUMA e.v.: Prof. Dr. Max Kaase Direktor: Prof. Dr. Peter Ph. Mohler Hausanschrift: Postanschrift: B2, 1 Postfach Mannheim Mannheim Telefon: Zentrale Telefax Redaktion NSD-HOTLINE Redaktion: Dr. Paul Lüttinger ISSN ZUMA 1 8. Jahrgang Die ZUMA-Nachrichten erscheinen im Mai und November eines Jahres. Sie werden Interessenten auf Anforderung kostenlos zugesandt. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder. Der Nachdruck von Beiträgen ist nach Absprache möglich. Druck: Verlag Pfälzische Post GmbH, NeustadtNeinstraße. Die ZUMA-Nachrichten werden auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.

4 Inhaltsverzeichnis 3 In eigener Sache JAHRE ZUMA Festreden zur 2OJahre-Feier von ZUMA am 5. Oktober 1994 Begrußungsansprache des Vorsitzenden des ZUMA e.v. Max Kaase… 8 Festrede des Ministers fur Wissenschaft und Forschung des Landes Baden-Württemberg Klaus von Trotha Öffentlichkeit und Selbstkontrolle: Die Rolle der Experten Friedhelm Neidhardt Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland Christel Hopf und Walter Müller Direktmarketingadressen fur Umfi-agezwecke? Kurt Salentin Digitales Informationssystem Soziale Indikatoren – DISI GESIS im Internet Sozialwissenschaften-Bus 1995: Termine und Preise ALLBUS 1994 verfugbar ALLBUS-Baseline-Studie und ALLBUS 1992: Ost-West-Gewichtung der Daten Rudolf- Wildenmann-Gastprofessur für international vergleichende Sozialforschung Frithjof H. Knabe: Unter der Flagge des Gegners. (Michael Häder) U. Schulfl. AlbersIU. Mueller: Social Dilemmas and Cooperation. (Josef Brüderl)… 86

5 4 ZUM-Nachrichten 35. Jg. 18. November 1994 Publikationen ZUMA-Arbeitsberichte Übersicht über die Veranstaltungen Workshop: Stichprobenverfahren Februar Workshop: Structural Equation Modeling with PRELIS 2 and LISREL 8, März Konferenz: SoftStat ‚ März Workshop: Structural Equation Modeling with EQS~Windows Version 5, März Workshop: (Echte) Kausale Modellierung, April Workshop: International vergleichende Forschung in Europa, Mai Konferenz: Text Analysis and Computers, September (Ca11 for Papers) International Conference on Survey Measurement and Process Quality April rd European Conference on Psychological Assessment, August 1995 (Call for Papers).. 107

6 Editorial 5 IN EIGENER SACHE ZUMA hat am 5. Oktober sein 20jähriges Bestehen gefeiert. In launigen, aber auch nachdenklichen Worten hat der Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, Gerhard Widder, bei dieser Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, wie sehr ZUMA zu einer festen Größe in der Wissenschaftslandschaft von Mannheim geworden ist. Das Land Baden-Württemberg hat ZUMA seit seiner Gründung mit großem Engagement wissenschaftspolitisch und finanziell gefordert. Wir betrachten die Anwesenheit und die zukunftsweisende Festrede des Ministers fur WissenschaR und Forschung, Klaus von Trotha, als einen erneuten Beleg fur dieses Engagement. Sehr gefreut haben wir uns darüber, daß der langjährige Vorsitzende des GESIS-Kuratoriums und neue Präsident des Wissenschaftszentnims Berlin fur Sozialforschung, Friedhelm Neidhart, unserer Einladung gefolgt ist, den wissenschaftlichen Festvortrag zu halten. Ansprachen und Vorträge der Festveranstaltung bilden den ersten Schwerpunkt des vorliegenden Heftes. Der Beitrag von Christel Hopf und Walter Müller hat indirekt ebenfalls etwas mit dem ZUMA- Jubiläum zu tun. Er zeigt die Entwicklung der Empirischen Sozialforschung seit den afziger Jahren auf und beschreibt damit nicht nur par excellence das Umfeld der Entwicklung von ZUMA, sondern darüber hinaus auch ein Stück Institutsgeschichte. Wir danken den Autoren, dem Verlag Leske + Budrich und Bernhard Schaefers, dem Herausgeber des Buches,,Soziologie in Deutschland“, in dem der Aufsatz erscheint, fur die Genehmigung des Vorabdrucks. Die Möglichkeit der Nutzung vom kommerziell angebotenen Direktrnarketingadres- Sen in der sozialwissenschaftlichen Umfrageforschung erörtert Kurt Salentin, indem er das Angebot von vier überregionalen Adressenanbietern untersucht. Schließlich möchte ich Sie

7 6 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 noch auf den GESIS-Gopher aufmerksam machen, mit dem Ihnen nun das gesamte Dienstleistungsangebot der GESIS-Institute ZUMA, ZA und IZ über Internet zur VertUgung steht. In der letzten Ausgabe hatten wir Sie um Ihre Meinung über die ZUMA-Nachrichten gebeten. Die wenigen – sämtlich positiven – Rückantworten und die fehlenden kritischen Stimmen deuten wir so, daß Sie mit den ZUMA-Nachrichten überwiegend zufrieden sind. Ob und in welcher Weise die ZUMA-Nachrichten künftig als Publikationsorgan fur die Profession geöffnet werden sollen, ist gegenwärtig noch in der Diskussion. Wir werden Sie zu gegebener Zeit über das Ergebnis informieren. Bei den Personalia ist in erster Linie darüber zu berichten, daß die beiden vakanten wissenschaftlichen Leitungspositionen endlich neu besetzt werden konnten. PD Dr. RolfSteyer, von der Universität Trier beurlaubt, wird nikünftig den Bereich Methodenforschung & Methodenenhvicklung bei ZUMA verantwortlich leiten. Pro$ Dr. Peter Schmidt wird ab 15. Dezember fur den Bereich der gesellschaftlichen Dauerbeobachtung zuständig sein; er wird von der Universität Gießen beurlaubt. Wir danken der Universität Trier sowie der Universität Gießen und dem Ministerium fur Wissenschaft und Kunst des Landes Hessen fur die Bereitschaft, Herrn Steyer und Herrn Schmidt die Arbeit bei ZUMA zu ermöglichen. Dr. Bettina Westle arbeitet bis zum Dezember 1995 im Rahmen des Hochschulsonderprogramms I1 der Bundesregierung als Postdoktorandin bei ZUMA. Ausgeschieden sind Volker Neureither, Reiner Trometer, Hartmut Götze und Christa Muhr. Im Namen von ZUMA wünsche ich Ihnen fiedvolle Feiertage und ein gesundes und erfolgreiches Jahr Max Kaase Vorsitzender des ZUMA e.v.

8 20 Jahre ZUM 7 des Festaktes in Mannheim, Stadthaus, N 1, Bürgersaal 5. Oktober 1994 THE BOURBON VANILLE JAZZ BAND Begrüßung Grußworte Prof Dr. Max Kaase Vorsitzender des ZUMA e.v Gerhard Widder Oberbürgermeister der Stadt Mannheim Prof Dr. Hartmut Esser stellv. Rektor der Universität Mannheim MR Hartmut F. Gübel stellv. Vorsitzender des GESTS-Kuratoriums THE BOURBON VANILLE JAZZ BAND Festredner Klaus von Trotha Minister fur Wissenschaft und Forschung des Landes Baden-Württemberg Prof Dr. Friedhelm Neidhardt Wissenschaftszentrum Berlin fiir Sozialforschung THE BOURBON VANILLE JAZZ BAND

9 8 ZUMA-Nachrichten 35, Jg. 18, November JAHRE ZUMA BEGRÜJUNGSANSPRACHE DES VORSITZENDEN DES ZUMA E. V., MAXKAASE h begrüße Sie alle sehr herzlich zur heutigen Festveranstaltung anläßlich des zwanzigährigen Bestehens von ZUMA, dem Zentrum fur Umfragen, Methoden und Analysen. Am 1. Januar 1974 als Hilfseinrichtung der Forschung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gegründet, ist ZUMA seit 1987 eines der drei Mitgliedsinstitute der GESIS, der Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen, einer der von Bund und Ländem gemeinsam geforderten Serviceinstitute der sogenannten,,blauen Liste“. Diese Liste, die ihren Namen dem Umstand verdankt, daß sie – in ihrer ersten Fassung – auf blauem Papier gedruckt war, zählt inzwischen mehr als 80 Einrichtungen auf, die nach der 1975 abgeschlossenen Rahmenvereinbarung zwischen Bund und Ländern über die gemeinsame Förderung der Forschung nach Artikel 91b des Grundgesetzes in einer Gesamthöhe von 1,2 Milliarden finanziert werden. Neben ZUMA gehören der GESIS noch das Informationszentrum Sozialwissenschaften in Bonn und das Zentralarchiv fur Empirische Sozialforschung in Köln an; man kann, meine ich, ohne Übertreibung sagen, daß die drei Institute seit der Gründung von GESIS zu einer Einheit zusammengewachsen sind, ohne daß sie, ganz im Sinne der Empfehlungen des Wissenschaftsrates, ihre unverwechselbaren, aus ihren Arbeitsprofilen herrührende Individualität verloren hätten. Bei dieser Balance von Integration und Selbständigkeit muß es auch in Zukunft bleiben. Vor fast genau 10 Jahren, arn 25. September 1984, hatten sich im Rittersaal des Mannheimer Schlosses manche von Ihnen, die ZUMA auch heute die Ehre geben, schon einmal msammengefunden, um die ersten 10 Jahre des Instituts Revue passieren zu lassen. Die Frage, ob man solche Dezennien stets zum Anlaß öffentlicher Festveranstaltungen nehmen sollte, haben wir uns bei ZUMA durchaus gestellt. Sie wurde – wie Sie sehen – positiv beantwortet, weil sie es m einen gestatten, fur einen Augenblick innezuhalten und zu überlegen, was erreicht und was nicht erreicht wurde. Zum anderen setzen solche Tage auch Zäsuren, denn sie ermöglichen, ja erzwingen geradezu, den Blick in die Zukunft zu richten und neue Ziele zu bestimmen. Perspektive und Retrospektive: Beide Dimensionen finden ihren Ausdruck sowohl im Programm der morgigen wissenschaftlichen Tagung als auch in dem von Ingwer Borg und Peter Mohler zu diesem Jubiläum herausgegebenen Buch,,Trends and Perspectives in Empirical Social Research“, in dem sich sowohl Beiträge von ZUMA-Mitarbeitern als auch von ZUMA in konkreten Arbeitszusammenhängen verbundenen deutschen und internationalen Sozialwissenschaftlem finden.

10 20 Jahre ZUM 9 Organisationen gewinnen erst über Strukturen ihr Gesicht, ihre Berechenbarkeit und ihre Kontinuität. Nicht zuletzt der Zwang, diesen strukturellen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen, hat das Institut 1993 gezwungen, die im Laufe der vergangenen 20 Jahre entwickelte DFG-Philosophie von wissenschaftlicher und organisatorischer Offenheit und Flexibilität verpflichtete innere Verfassung zugunsten einer Neuorientierung mit klareren Verantwortungszuschreibungen aufnigeben. Ich selbst, dem ersten Inhaber der Position des Geschäftsfiihrenden Direktors von 1974 bis 1980 vielleicht nachzusehen, habe mich gegen diese Veränderung lange gewehrt. Als es mir jedoch nicht einmal mehr gelang, einen ZUMA über all diese Jahre immer verbundenen Kollegen wie Werner Mangold, langjähriger Fachgutachter der DFG für Empirische Sozialforschung und seit 1987 Vorsitzender unseres wissenschaftlichen Beirats, von der fortdauernden Gültigkeit der,,alten“ ZUMA-Philosophie zu überzeugen, mußte ich einsehen, daß ZUMA mit seinem Aufgehen in GESIS und den damit verbundenen wesentlichen Funktionserweiterungen für das Institut nicht mehr so gefuhrt werden konnte wie das ZUMA der,,wen Jahre“. Ich hoffe zuversichtlich, daß sich der Blick des uns stets wohlgesonnenen und gerade deswegen besonders kritischen Beobachters von außen als scharfer und zutreffender erweisen wird als der des Betroffenen. Dies wäre ein erneuter Beleg fur einen der Grundpfeiler des Selbstverständnisses der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Bewertung der Qualität von Forschung der Gemeinschaft der Forscher selber und nicht irgendeiner Form von bürokratischer Intervention anzuvertrauen. Damit aus dieser Akzentuierung, die ich mit voller Überzeugung vornehme, nicht etwa falsche Schlüsse gezogen werden: Unser Dank an das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, sehr geehrter Herr Minister von Trotha, und an den Bundesminister fur Forschung und Technologie, sehr geehrter Herr Grübel, für Ihre ständige und konstruktive Unterstützung von ZUMA kommt nicht zuletzt deswegen aus vollem Herzen, weil sich beide Institutionen im Kuratorium der GESIS stets dem genannten DFG-Prinzip verpflichtet gezeigt haben. Ich gestehe aber gerne ein, daß die GESIS-Mitgliedsinstitute es ihren Finanziers nicht immer leicht gemacht haben und machen. Denn das Credo der Verahtwortung unserer Leistungen gegenüber der nationalen und internationalen Gemeinschaft der Wissenschaftler, dem alle GESIS-Institute anhängen, und die Unterschiedlichkeit ihrer Genese haben GESIS einen Gremienkomplex beschert, die in der Blauen Liste“ nicht leicht ihresgleichen finden dürfte. Ich meine aber, daß sich diese Komplexität trotz mancher Reibungsverluste in der Summe bewährt und zur wissenschaftlichen Vitalität und Kreativität der Einrichtungen beigetragen hat. Ich bitte Bund und Länder daher herzlich, trotz verständlicher Vorbehalte und mancherlei Ärgers damit, daran festzuhalten. Ich bin sicher, er wird allen Beteiligten auf lange Sicht zum Vorteil gereichen. Für den Sozialwissenschaftler ist es eine Selbstverständlichkeit, daß Strukturen eine entscheidende Einflußgröße fur den Erfolg oder Mißerfolg von Organisationen darstellen. Aber ohne das Engagement des einzelnen Menschen in seiner ganz persönlichen Ausprägung können Strukturen nicht mit Leben gefillt werden. Die ZUMA-Mitarbeiter, die Vereinsmitglieder,

11 10 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 welche die Geschicke von ZUMA so lange und tatkräftig gesteuert haben – das frühere Direktorium -, und die GESIS-Kuratoren: sie alle verdienten eine gesonderte Erwähnung. Sie mögen mir nachsehen, daß die knappe Zeit es mir verbietet, diesem Impuls zu folgen. Beim Blick zurück würde jedoch ein wesentliches Element fehlen, erinnerten wir uns nicht an Rudolf Wildenmann, der arn 14. Juli 1993 nach schwerer Krankheit verstorben ist. Dr. Petersen, der 13 Jahre bei der DFG fur ZUMA zuständig war und den ich an dieser Stelle herzlich begruße, ist der beste Zeuge fur die ausschlaggebende Rolle, die Rudolf Wildenmann in der Vorbereitung der DFG-Entscheidung, ZUMA zu gründen, zukommt. Als Vorsitzender des ZUMA e.v. von 1974 bis 1980 und als GESIS-Kurator von 1987 bis 1990 war Rudolf Wildenmann Hüter der Interessen des Instituts, mehr noch aber ständiger intellektueller Stachel in unserem Fleisch. Diejenigen von Ihnen, die ZUMA in der einen oder anderen Funktion in einem unmittelbaren Arbeitszusammenhang verbunden sind oder waren, werden sich noch an viele hitzige Debatten erinnern, die wir mit ihm gem haben, wenn er wieder einmal zu neuen wissenschaftlichen Ufern aufbrechen wollte, während andere sich noch die Zähne an der Bewältigung der laufenden Aufgaben ausbissen. Wir denken in Dankbarkeit und Trauer an ihn; gerade an diesem Tage vermissen wir ihn sehr. Die gestern zur Einrichtung beschlossene Rudolf-Wildenmann-Fellowship für international vergleichende Sozialforschung ist Ausdruck unseres Willens, an ihn über den Tag hinaus zu erinnern. Niemand mehr als er würde an dieser Stelle nicht nur Rückbesinnung, sondern einen mutigen Blick in die Zukunft einfordern, eine Forderung, der ich mich gerne stelle. Hierbei möchte ich einen Akzent setzen, dessen Gewicht mir als DFG-Vertreter im Standing Cornmittee for the Social Sciences der European Science Foundation in jeder Sitzung des Gremiums immer wieder von neuem vor Augen g ern wird. Im nationalen, deutschen Blickwinkel stehen zwar die Institute von GESIS immer wieder vor Herausforderungen an ihre Konzeption und tägliche Arbeit, die der Weiterentwicklung der Wissenschaft sowie in besonderem Maße der enormen und schnellen Innovationen im Bereich der Kommunikationsnetzwerke und Datenverarbeitung entstammen. Stillstand bei GESIS würde insofern Rückschritt bedeuten. Vergleicht man jedoch die deutsche Infrastniktur fur die Sozialwissenschaften – neben GESIS mögen hier das Wissenschaftszentrum Berlin fur Sozialforschung und das Sozioökonomische Panel weitere Erwähnung finden – mit der Situation in den anderen Mitgliedsländern der European Science Foundation, so steht außer Frage, daß die deutsche Sozialwissenschaft eine privilegierte Position innehat. Ich habe hiefi drei Hauptgründe ausmachen können: zum ersten die weitgehende Unabhängigkeit der deutschen Forschung von staatlicher Bevormundung, die sich in erster Linie aus der uneingeschränkten Akzeptanz der Deutschen Forschungsgemeinschaft durch Bund und Länder speist, eine Akzeptanz übrigens, die sich jeden Tag von neuem durch deren verantwortungsvolle Mitwirkung in den Gremien der DFG verwirklicht; zum zweiten die nach wie vor sehr gute und im internationalen Vergleich sogar als herausragend zu bezeichnende finanzielle Ausstattung der deutschen Forschung; hier ist nicht zuletzt der Föderalismus als eine

12 20 Jahre ZUM I I wichtige positive Strukturbedingung zu nennen; zum dritten schließlich die internationale Offenheit und Orientierung der deutschen Sozialwissenschaften, in der nationale Begrenzungen der Perspektive nur wenig Platz finden; Erwin K. Scheuch, M. Rainer Lepsius; Wolfgang Zapf und Hans-Dieter Klingemann sind profilierte Vertreter dieses Impetus. Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten der GESIS-Arbeit, daß sich seit Jahren jedes seiner Mitgliedsinstitute in seinem Bereich an der Internationalisierung der Sozialwissenschaften aktiv beteiligt hat; die bedeutsame Rolle von ZUMA und seines Direktors Peter Mohler beim International Social Survey Programme, einer regelmäßigen Befragung in inzwischen mehr als 20 Ländern unseres Globus, des Zentralarchivs im europäischen Verbund von Datenarchiven und des Informationszentrums Sozialwissenschafien bei der Entwicklung eines europäischen lnformationssystems für die Sozialwissenschaften sind einige wenige Beispiele fur das internationale Engagement von GESIS. Hier sind in Zukunft noch stärkere Bemühungen notwendig; für ZUMA gilt es z.b., angesichts des ungewissen Schicksals der seit 1973 regelmäßig in allen Ländern der Europäischen GemeinschafWnion im Auftrag der Kommission der Europäischen Gemeinschaften durchgewen Repräsentativbefragungen der Bevölkerung, des sogenannten Eurobarometers, mit unseren europäischen Partnern nach Wegen zu suchen, eine Europäische Allgemeine Bevölkerungsumficige fur die Sozialwissenschafien einzurichten. Denn fur die international vergleichende Forschung wäre der ersatzlose Wegfall des Eurobarometers in seiner jetzigen Form ein katastrophaler Rückschritt. Meine Damen und Herren, nach zwanzig Jahren, in denen ZUMA zweimal durch den Wissenschaftsrat evaluiert wurde und die DFG dreizehn Jahre lang den Haushalt von ZUMA jährlich erst jeweils nach wissenschaftlicher Begutachtung genehmigte, bin ich stolz auf das Erreichte und dankbar fur die Unterstützung und das Engagement, die wir trotz mancher Widrigkeiten immer wieder erfahren haben. Ich freue mich, daß sie nach Mannheim gekommen sind, um mit uns zu feiern und – morgen – Probleme, Befunde und Perspektiven der Empirischen Sozialforschung zu debattieren. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen eine gute und informative Zeit in Mannheim.

13 12 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November JAHRE ZUMA ehr geehrter, lieber Herr Professor Kaase, verehrter Herr Oberbürgermeister Widder, Herr S Prorektor Professor Esser, Herr Ministerialrat ürübel, Herr Generalsekretär Benz, verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, verehrte Festgäste, es ist für mich eine große Freude, mit ihnen hier in Mannheim dieses Jubiläum feiern zu dürfen. Sie wissen ja: Mithude macht den Freund. Der Einladung, an der heutigen Festveransialtung teilzunehmen, bin ich gerne gefolgt. Es ist für mich eine große Ehre, Ihnen zu dem 20jährigen Jubiläum von ZUMA die Grüße der Landesregierung überbringen zu dürfen. Nicht nur in der,,profession“ der SozialWissenschaftler, sondern darüber hinaus auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich hat ZUMA in den zwei Jahrzehnten seines Bestehens Bedeutung und Ansehen gewonnen. Auch die große Zahl von renommierten Festgästen heute stellt dies unter Beweis. Diese Bedeutung und das Ansehen beruhen nim einen auf den Aufgaben, die hier wahrgenommen werden, zum anderen und noch sehr viel mehr auf den WissenscMem, die das Entstehen und die Arbeit des Zentnims geprägt haben und noch prägen. Chadderistisch für die Aufgaben von ZUMA ist es, daß es zum einen wissenschaftliche Dienstleistungen für andere Wissenschaftler und Forschungsinstitute erbringi, zum anderen aber auch selbst sozialwissenschaftliche Methodenforschungen betreibt Zu einem wesentlichen Teil Mm ich insofern den Erfolg von ZUMA auf eine Überlegung zurück, die Rudolf Wildenrnann als,,institutionellen Altruismus“ bezeichnet hat. ZUMA versteht sich danach als Institution, deren Zweck die Unterstützung Beratung und Forschung für andere Wissenschaftler ist. In einer Wissenschaftslandschaft, in der -jedenfalls ganz überwiegend – primär die Einzelleistung und nicht die Teamarbeit anerkannt wird, ist dies ein bemerkenswertes Phänomen: die Tatsache nämlich, daß eine ganze Institution sich und ihre Mitglieder auf Teamarbeit im Dienst für die Projekte anderer verpflichtet. Um so mehr möchte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zentrums meine Anerkennung und meinen Dank Eir die Leistungen aussprechen, die sie im Dienst der Sozialwissenschaft für nire Kolleginnen und Kollegen an Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen in den letzten 20 Jahren erbracht haben und erbringen. Für den Erfolg einer wissenschaftlichen Institution unerläßlich, – und für eine außeruniversitäre Forschungs- und Serviceeinrichtung gilt das in besonderem Maße – ist jedoch nicht nur die Qua-

14 20 Jahre ZUM 13 lifikation und das Engagement der Mitarbeiter, sondern auch die ständige externe wissenschaffliche Beratung. Zu Recht hat der Wissenschaftsrat daher in seinen Empfehlungen zur Neuordnung der Blauen Liste vom November 1993 festgestellt: Entscheidend für den Erhalt der Leistungsfähigkeit außeruniversitärer Forschungseinrichtungen ist außerdem die regelmäßige Begleitung und Bewerhmg der Forschungs- und Dienstleistungstätigkeit durch externe Sachversiändige“. Diese Aufgabe erfüllt neben DFG und WissenscWrat in dankenswerter Weise der Wissenschaftliche Beim dem derzeit sieben namhafte Professorinnen und Professoren aus dem In- und Ausland angehören. Seine Aufgabe ist es insbesondere,,,eine ausreichende Berücksichtigung der Bedürfnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung m gewährleisten, indem er die Forschungsund Sewiceleistungen sowie das Arbeitsprogramm bewertet und da& Vorschläge entwickelt.“ Auch Ihnen, verehrte Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats, möchte ich daher herzlich fiir Ihre Arbeit danken und Sie bitten, und ermuntern, ZUMA auch künftig engagiert und laitisch mit Ihrem Rat zu begleiten. ZUMA bildet in dem 1986 gegründeten GESIS-Verbund mit dem Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung Köln und dem Informationszentrum Sozialwissenscwn Bonn einen wesentlichen Teil der sozialwissenschaftlichen hdktnbr in Deutschland, die wiedem eine wichtige Basis fur die Beschreibu- Analyse und Selbstreflektion der Gesellschaft ist, oder um es in den Worten von Niklas Luhmann zu sagen: ein,,mitwirken an der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung der Gesellschaft“. Diese Art der Forschung liegt sicherlich im Interesse unserer Gesellschaft und ist damit förderungswürdig. Denn woher sonst sollte der Bürger Kenntnis erlangen über die tatsächliche Wirklichkeit, in der er lebt, wenn nicht von jenen Erkenntnisspezialisten, die hi von Eigeninteressen allein der wissenschaftlichen Zuverlässigkeit ihrer Methoden und Erkenntnisse verpflichtet sind. Wohl kaum eine Frage, mit der sich die sozialwissenschaftliche Forschung und hierbei insbesondere die Empirische Sozialforschung befaßt, dürfte so allgemein interessieren und faszinieren, aber auch gleichzeitig so umstritten sein wie gerade das Thema,,UmhgenC‘. Dies gilt insbesondere in Wahlzeiten. Wie eine Wählerentscheidung nistandekornmt, ist nicht determinierbar. Aber eines ist schon heute sicher: den Sieger wollen mehr gewählt haben als er tatsächlich gewählt worden ist. Ob dies auch für vermeintliche Sieger gilt, weiß ich nicht. Sehr oft ist die Rede von den Gefahren, oder vielleicht auch nur von den vermeintlichen Gefahren, die von Umfiagen ausgehen. In der Tat gibt es beeiidnickende Beispiele, wie mittels kleiner Änderungen von Frageformuliemgen große Veränderungen in den Verteilungen von Behortem oder Kritikern erreicht werden können. Erfeulicherweise hat ZUMA gerade zu diesem Bereich in den letzten Jahren eine Reihe beachtlicher Arbeiten vorgelegt. Daß so viele Bürger gegenüber Umfragen nach wie vor ein erhebliches Unbehagen haben, scheint mir weitgehend auf ein Mißverständnis zurückzugehen: dem Mißverständnis nämlich, Umfragen seien allein für die Politik, die Wissenschaft oder die Wirtschaft von Relevanz und Interesse. Ganz abgesehen davon, daß Wissen besser

15 14 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 ist, als Nichtwissen: Wer so denkt, vergißt die mündigen Bürger, die w re Verfassung will und unsere Gesellschaft braucht. Auch die grundgeseiziiche üarantie der Forschungshiieit in bewußter Verantwortung ist Ausdruck der Überzeugung einer hien Gesellschaft, daß hie Menschen imstande sind, von ihrer Freiheit so sinnvoll Gebrauch m machen, daß es sich lohnt, sie ihnen so weit wie möglich zu gewähren. Die Idee des mündigen Bürgers in einer demohtischen Gesellschaft verlangt insofern das Recht für alle Bürger und Bürgerinnen, sich über die Verhältnisse in Staat und Gesellschaft umfassend informieren zu können. Dazu gehört auch, über die Stimmung in der Bevölkerung informiert zu werden, und zwar der Stimmung der Bevölkerung im gesamten Land, nicht nur bei einzelnen Personen, die den meisten bekannt sind. Erst dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Informationen und Informationsquellen ermöglicht den Bürgern eine begründete, abwägende Entscheidung. Nicht zuletzt daher haben Ergebnisse der Empirischen Sozialfomhung einen hohen Stellenwert in Gesellschaft und Politik und sind daher auch ein wichtiger Faktor für die Politikbemtung durch die Wissenschaft. Freilich gilt auch hier: Information ist nur das, was ich auch verstehe. Dabei erweist es sich für den Politiker immer mehr als unentbehrlich, den Sachverstand der Wissenschaft hinzuzuziehen. Mut muß er selber haben, Expertenwissen kann er sich besorgen. Auch die Verantwortung hat wohl bei dem zu liegen, der das Wissen umsetzt und allenfalls eine Mitvmtwortung bei den Wissenschaftlern für das Zurverfugungstellen und die sachgemäße Aufbereitung des Wissens. Als Beispiele aus jüngster Zeit nenne ich etwa den neu eingerichteten Innovationsbeimt und den neu verfaßten, in meinem Haus ressortierenden Landesforschungsbeirat. Für die schwierige Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik wird es wohl wesentlich darauf ankommen, wie weit die Wissenschaft bereit ist, fur sich eine Bringschuld und wie weit die Politik bereit ist, eine Holschuld anzuerkennen. Fällt der Name ZLTMA, meine Damen und Herren, denkt man geradezu zwangsläufig auch an den Namen der Stadt, in der diese wichtige Eichtung der Sozialwissenschaft ihren Sitz hat, nämlich an Mannheim. Der Name Mannheim wiederum ist geradezu ein Gütesiegel für die deutschen Sozialwissenschaften, wenn man sich die wissenschaftlichen Institutionen, die sich hier in Mannheim ganz oder schwerpunktmäßig mit Sozialwissenschaften befassen, verdeutlicht. Nennen möchte ich hier m hst die Univaität Mannheim mit ihren sozialwissenschaftlichen Instituten und Lehrstühlen, insbesondere das im Jahre 1989 als interdisziplinäres Institut der Universität gegründete Mannheimer Zentrum fur Europäische Sozialforschung. Zu nennen ist auch das 1991 gegründete Zentrum für Europäische Wirtschaftsfomhung. Alle diese Einrichtungen tragen dani bei, den Ruf Mannheims als Hochburg, Center of Excellence der deutschen Sozial- und Whchafbwissenschaft m rechtfertigen und zu stärken. Sie bilden zusammen mit den anderen Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen in Mannheim, etwa dem Institut fur deutsche Sprache oder den Fachhochschulen für Technik und Sozialwesen das geistige Umfeld, das fur

16 20 Jahre ZUM 15 eine hchtbare wissenschaftliche Arbeit unentbehrlich ist. Jede dieser Einrichtungen hat unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Schwerpunktbildungen und Akzente. Jedoch gibt es auch Schnittstellen, die eine Kooperation nahelegen, wenn nicht geradezu herausfordern. Bereits bisher gibt es solche Kooperationen zwischen den Mannheimer Forschungsinstitutionen, auch solche, an denen ZUMA beteiligt ist. Ich möchte sie ermuntern, auf diesem Wege weitemgehen und vielleicht noch mehr als bisher diese Zusammenarbeit zu vertiefen und auszubauen: nicht zuletzt irn Interesse der Einheit von Lehre und Forschung – dem Erfolgsgeheirnnis der deutschen Hochschulen. Dies bedeutet natürlich nicht, die Zusammenarbeit mit anderen Instituten im Inund Ausland zu vernachlässigen. Ich begruße es daher sehr, daß ZüMA mit &eichen Partnern in Deutschland, Europa und anderen Ländern kooperiert. Dies entspricht auch der Bedeutung, die das Land Baden-Württemberg den Sozialwissenschaften und hier insbesondere der Empirischen Sozialforschung beirnißt. Wer auch nur ein wenig auf die letzten 20 Jahre nirückschaui, weiß: Diese Wertschätzung des Landes fur die „Empirische Sozialforschung“ zeigte sich bereits bei der Einrichtung von ZUMA im Jahre Die Landesregierung unterstützte damals nachhaltig die Gründung von ZüMA als einer von der Deutschen ForschungsgemeinschaR finanzierten Hilfseinrichtung der Forschung. Beim lojährigen Jubiläum, im Jahre 1984, wurde mehrfach gefordert, ZUMA in die Blaue Liste auhehmen. Diese Bemühungen fuhrten erfreulicherweise wenige Jahre später zum Erfolg. Nach einer Empfehlung des Wissenschaftsrates vom Januar 1986 wurde im selben Jahr in Mannheim die Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infi-astruktminrichtungen (GESIS) in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins gegründet. GESIS wurde in die „Blaue Liste“ aufgenommen. Die Blaue Liste, meine Damen und Herren, umfaßt die Einrichtungen, die im Wege der Gemeinschaftsfinanzierung nach Artikel 91 b des Grundgesetzes von Bund und Ländern gemeinsam finanziert werden. Die näheren Regelungen trafen Bund und Länder in der „Ausführungsvereinbmg zur Rahmenvereinbmg Forschungsforderung über die gemeinsame Förderung von Einrichtungen der wissenschaftlichen Forschung“ vom Mai In Baden-Württemberg werden im geistes- und sozialwissenschafilichen Bereich außer GESIS auch das Deutsche Institut fur Fernstudienforschung an der Universität Tübingen und das Institut fur deutsche Sprache in Mannheim über diese Gemeinschaftsfinanzierung nach Artikel 91 b des Grundgesetzes gefordert. Im Haushaltsjahr 1994 beträgt die Förderung von Bund und Ländern fur alle drei GESIS-Institute, nämlich außer dem ZUMA das Informationszentrum Sozialwissenschaften (IZ) und das Zentralarchiv fur Empirische Sozialforschung (ZA), zusammen knapp 21 Millionen DM. Davon trägt dankenswerterweise die Hauptlast der Bund mit 80 %. Von dem Gesamtbetrag von 21 Millionen DM fur alle drei GESIS-Institute entfällt auf ZUMA ein Betrag in Höhe von rund 7,5 Millionen DM. Nach der Vereinigung Deutschlands stieg die Zahl der Blauen-Liste-Institut beträchtlich. Der Zuwendungsbedarf‘ fur alle nunmehr über 80 Institute stieg auf über 1 Milliarde DM pro Jahr, na-

17 16 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 heliegend deshalb, daß in einer Zeit knapper Kassen die finanziellen Spielräume für die Blauen- Liste-Institut geringer wurden. Wir befürchten, daß der Bund wegen dieser schwierigen finanziellen Situation sich gezwungen sieht, die Zuschüsse des Bundes für GESIS, wie auch fur andere Institute der Blauen Liste zu kürzen. Entsprechend der prozentualen Beteiligung der Länder führt dies dazu, daß auch die Ländemchüsse reduziert werden müssen. Wir bedauern dies. Finanzrninister Waigel sagte: Nur ein Narr gibt mehr aus als er hat. Dies ist nicht ganz falsch. Dennoch ändert das nichts an der Feststellung des Wissenschaftsrates, wenn er in seinen „Empfehlungen zur Neuordnung der Blauen Liste“ vom November 1993 feststellte: „Die gemeinsame Finanzierung von Blaue-Liste-Instituten durch Bund und Länder hat sich insgesamt bewährt.“ Gerade das Beispiel ZUMA zeigt, wie wichtig und richtig es ist, mit der Blauen Liste über ein Finanzierungssystem zu verfügen, das es ermöglicht, die Finanzierung von außeruniversitären Forschungs- und Serviceeinrichtungen auf eine breite, in der Regel gesicherte Basis zu stellen. Diese Form der Gemeinschaftsfinanzierung nach Artikel 91 b Grundgesetz hat fkeilich auch nicht unerhebliche Nachteile. Da Bund und Länder zu einem bestimmten Prozentsatz an der Finanzierung beteiligt sind, bestimmt quasi jeweils der schwächere Partner den Umfang der öffentlichen Förderung. Kürzt beispielsweise der Bund die Zuschüsse, so bleibt die Kürzung der anderen Geldgeber nicht aus. Bei GESIS sind das Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen und seit der Errichtung einer Außenstelle auch Berlin. Mißlich ist diese wechselseitige Abhängigkeit auch im Stellenbereich, insbesondere dann, wenn es etwa darum geht, eine Leitungsstelle so zu heben, daß ein Institut der Blauen Liste gegenüber den Universitäten kodcumnzf~g bleibt. Mit diesem Problem wurde das Land in jüngster Zeit zwar nicht bei ZUMA korhontiert, wohl aber bei zwei anderen Instituten der Blauen Liste. Hinzu kommt, daß der Bund auch die einzelnen Stellen der Institute ausweist. Selbst kostenneutrale Stellenumschichtungen sind auf diese Weise nur sehr schwer zu verwirklichen. Ich stimme daher dem Wissenschaftsrat zu, der hierzu in seinen Empfehlungen zur Blauen Liste ausgeführt hat: “ Zur Erweiterung des Hdungsspielraums sollte erneut geprüft werden, ob es M g notwendig ist, jede einzelne Stelle für die Institute der Blauen Liste im Bundeshaushalt auszuweisen, wie das seit Anfang der 80er Jahre praktiziert wird.“ Meine Damen und Herren, machen wir uns auch an einem Fest- und Feiertag nichts vor: Die schwierige Haushaltslage des Bundes und der Länder erlaubt es nicht, die Erwartung zu erwekken, die finanzielle Lage der Blauen-Liste-Institute und damit von GESIS würde in den nächsten Jahren spürbar besser. Zu groß sind dafür die Belastungen, die fur den Aufbau von Instituten in den neuen Ländern erbracht wurden und weiterhin zu erbringen sind, zu eng die finanziellen Spielräume der Zuwendungsgeber. Wir wollen alles unternehmen, daß Sie, meine Damen und Herren von ZUMA, auch künftig Ihre bedeutende und ertragreiche wissenschaftliche Arbeit leisten und damit den gewachsenen Herausforderungen auch im internationalen Kontext in den nächsten Jahren gerecht werden können.

18 20 Jahre ZUM 17 Weiterführende Überlegungen zur künftigen Entwicklung von GESIS und damit auch von ZUMA verspreche ich mir vom Wissenschaftsmt, der eine Arbeitsgruppe beaufh-agt hat, die Stniktur und die Tätigkeit der sozialwissenscharlichen Infrastnktureinrichtungen zu untersuchen. Sicherlich: die Zukunft können weder Sie noch wir vorausbestimmen. Aber wir können uns sorgfältig auf sie vorbereiten. Dazu zähle ich auch das, was von Ihnen geleistet wird und deswegen dürfen Sie auch unserer Unterstützung sicher sein. 20 Jahre ZUMA – 20 Jahre Nachweis erfolgreicher Arbeit im Dienste der Empirischen Sozialforschung. Wir fi-euen uns, daß es sie gibt und wir sind stolz darauf, daß es sie in unserem Lande gibt. Ad multos annos!

19 18 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 DIE ROLLE DER EXPERTEN ann immer wir reden oder schreiben, können wir nicht sicher sein, daß wir keine Fehler machen. Wir überfolgern das, was wir wissen; wir berufen uns auf Evidenzen, die zweifelhaft sind; wir übersehen Daten, die unseren Behauptungen widersprechen; wir benutzen schiefe Metaphern und hinkende Analogien, um uns selber und anderen das zu plausibilisieren, was wir fur richtig halten – und immer wieder ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Sowohl die Menge der Fehler, die auf diese Weise zustande kommen, als auch das Ausmaß der Wirkungen, die diesen Fehlern folgen, schwanken allerdings in Abhängigkeit von den Kontexten, in denen wir reden oder schreiben. Ein Beispiel: Auch wenn die Wissenschaft nur sehr unvollkommen das darstellt, was Robert Merton sich von ihr wünscht, nämlich „organized skepticism“ zu sein (Merton 1972), merkt man als Wissenschaftler doch, daß man vor Kollegen kontrollierter redet als vor den Nachbarn und vor Kollegen im Seminar kontrollierter als am Stammtisch. Die Aussicht auf kompetente und verbindliche Kritik reduziert die Fehlermenge, die man sich erlaubt, und die Bestandsfähigkeit der Fehler, die man dennoch macht, sinkt mit dem tatsächlichen Funktionieren kompetenter und verbindlicher Kritik. Ich gehe im folgenden davon aus, daß dieser Zusammenhang Erklärungen liefert fur einen Sachverhalt, den ich glaube, behaupten zu können. Er betrifft jenen Kontext „Öffentlichkeit“, dem wir alle über Presse, Funk und Fernsehen täglich zugeschaltet sind. Meine These: Das Forum der durch Massenmedien konstituierten Öffentlichkeit bildet einen Kontext, der relativ viele Fehler erlaubt und dann auch tatsächlich produziert. Deutet man die Fehlerhäufigkeit als einen Indikator fur den Rationalitätsgrad von Kommunikationen, so Iäßt sich die Behauptung auch zu der These formulieren: Die Rationalitätsdefizite öffentlicher Kommunikationen erscheinen als relativ hoch. Diese Aussage ist anfällig fur Mißverständnisse, die ich vermeiden möchte. Die kritische Feststellung von Rationalitätsdefiziten bezieht sich nicht auf die rhetorischen Manöver, die den öffentlichen Streit begleiten und die eher mit den Maßstäben von Kunst als von Wissenschaft zu

20 Neidhardt: Öi,fSentlichkeit und Selbstkontrolle: Die Rolle der Experten 19 messen sind; sie bezieht sich auch nicht auf die normativen Elemente von Meinungsverschiedenheiten, die durch unterschiedliche Wertbindungen hervorgerufen und stabilisiert werden. Öffentlichkeit ist der legitime und fur Demokratien unaufgebbare gesellschaftliche Ort, an dem solche Meinungsverschiedenheiten mit den Über~eu~ungstechniken der Rhetorik ausgetragen werden. Es geht nicht um die Vermeidung derart inszenierter Meinungsverschiedenheiten sondern um deren Qualifizierung. Der Anspruch auf Rationalität, der dabei gemeint sein darf, bezieht sich auf die empirische Evidenz von Behauptungen und auf die logische Stringenz der Folgerungen, die mit Behauptungen verbunden werden. Gemeint sind jene Verstöße gegen „sound argumentation“, die zum Beispiel Howard Kahane vor einiger Zeit nicht nur aufgezählt sondern auch in Kommentaren und Nachrichten amerikanischer Zeitungen zahlreich aufgewiesen hat: suppressed and doubtful evidence, straw man- und false dilemmaarguments, hasty conclusions, questionable analogies etc. (Kahane 1971). Unterhalb der in den letzten Jahrzehnten hochgezogenen wissenschaftstheoretischen Kontroversen über die Relativität der Erkenntnis und die Unfaßbarkeit von Wahrheit geht es um einen Typus prinzipiell vermeidbarer Fehler, die gleichzeitig erkenntnistheoretisch trivial und handlungsspraktisch folgenreich erscheinen: um das, was Kriminalitätsstatistiken messen und nicht messen, in welchem Maße die Stasi-Akten der sogenannten Gauck-Behörde zuverlässig sind, welche Effekte unter welchen Zusatzbedingungen von einem bestimmten Tempolimit auf den Autobahnen ausgehen, was die Treuhand tat und nicht tat, ob die Ausländerfeindlichkeit hierzulande steigt oder nicht steigt. Hierzu und zu vielem sonst hat die öffentliche Diskussion Verwirrung gestiftet, Sachverhalte verdrängt und verzerrt, unhaltbare Schuldzuweisungen erzeugt und wenig fundierte Folgerungen ausgelöst. Wenn diese Diagnose richtig ist, stellt sich die Frage, welche elementaren Merkmale von Öffentlichkeit eine relativ hohe Fehlerwahrscheinlichkeit öffentlicher Meinungsbildungen mit sich bringen und unter welchen zusätzlichen Bedingungen diese mehr oder weniger ausgeprägt erscheint. Dazu einige grundsätzliche Anmerkungen über das Funktionssystem Öffentlichkeit, speziell über seine Schwierigkeiten nir Selbstkontrolle (Neidhardt 1994b). Öffentlichkeit ist ein fi-eies Kommunikationsfeld, im Prinzip offen fur alle, die etwas sagen oder das, was andere sagen, hören wollen. Eine soziale Bestimmung erfährt dieses Feld dann, wenn bestimmte Akteure in dieses Feld eintreten und miteinander interagieren. Für ein Grundmodell moderner Öffentlichkeit ist es hinreichend, drei Akteursklassen voneinander zu unterscheiden: einerseits Sprecher, die zu bestimmten Themen Nachrichten und Meinungen eingeben, andererseits Kornrnunikatoren, die diese Eingaben filtern, bearbeiten und weitergeben, heutzutage vor allem die Massenmedien, und schließlich das Publikum, das sich den vermittelten Informationen und Meinungen zuwendet. Die Besonderheiten öffentlicher Kommunikation ergeben sich aus der Verfassung und dem Zusammenspiel dieser drei Akteursgruppen. Dabei erscheint folgendes im Hinblick auf Fragen der Selbstkontrollfähigkeit von Öffentlichkeit als wichtig.

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22 Neidhardt: Öi,fSentlichkeit und Selbstkontrolle: Die Rolle der Experten 21 Deutsche Presserat; dazu zuletzt Eisermann 1993) bleiben harmlos; die Rundfunk- und Fernsehräte reagieren nur sporadisch, nämlich dann, wenn die gremienbeherrschenden Parteien ihre politischen Interessen verletzt sehen. Es gibt im Mediensystem einen Mangel an dauerhaft kontrollierender kompetenter und verbindlicher Kritik, und also geraten die Vorbehalte, die die Medien ständig auslösen, in ein diffuses Mißtrauen. (3) Die Medienschelte, die sich daraus entwickelt und gerade wieder im „Bericht zur Lage des Fernsehens fur den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland“ (Groebel et al. 1994) einen stattlichen Ausdruck gefunden hat, pflegt zu übersehen, daß die Medien zumindest in ihren Nachrichtenteilen nicht viel besser sein können, als die Quellen sind, die ihnen zur Verfügung stehen. Hinter den Medien operiert die Akteursgruppe von S p r e C h e r n, die sich in den letzten Jahren zunehmend zu einer öffentlichkeitsbedeutsamen Größe eigener Art professionalisiert hat. Unter dem Einfluß einer wachsenden Zahl von PR-Strategen hat sich im Vorfeld der Medien ein Ensemble von zum Teil heftig miteinander konkurrierenden Öffentlichkeitsakteuren entwickelt. Sie entwerfen ständig Bilder von Wirklichkeit, die über die Medien das Publikum erreichen – Minister und Parteiftihrer zu den politischen Fragen der Nation, Verbandsfunktionäre zu den Problemlagen ihrer Klientel, Verfassungsrichter, Kirchenfursten, gelegentlich einige Intellektuelle zu dem, was Recht und Unrecht ist, manchmal auch Wissenschaftler, wenn es um technisch interessante Entdeckungen, spektakuläre Unfalle und publikumsrelevante Risiken geht. In den letzten Jahrzehnten können wir nun beobachten, daß eine alles andere als repräsentative Unterklasse dieser Akteure die Arenen der Öffentlichkeit zwar nicht monopolisiert, aber doch zu dominieren beginnt. Es sind jene Akteure, die bei ihren Konkurrenzen um kollektive Aufmerksamkeit und Zustimmung die Medien brauchen, um sich beim Publikum Absatz und Wählerstimmen zu sichern: Parteien, Interessenverbände und Wirtschaftsunternehmen. Vor allem im Kommunikationsbereich der politischen Öffentlichkeit betreiben Volksvertreter, Funktionäre und Manager ein gegenüber den Medien ausgesprochen offensives „Ereignismanagement“, dessen journalistische Verarbeitung sie überdies mit dem zunehmend professionalisierten Genre sogenannten „Pressemitteilungen“ selber gleich mitbesorgen, dies mit dem Effekt, daß sie eine gute Chance besitzen, von den Medien dem Publikum weitergegeben zu werden (Baerns 1985). Und in der Tat belegen auch neuere Untersuchungen (zuletzt Schmitt-BeckIPfetsch 1994, Tab. 9), in welch starkem Maße Regierungen und die herrschenden Parteien und Verbände die Bühnen der Öffentlichkeit besetzt haben. Deren Feststellungen, Erklärungen, Bewertungen und Folgerungen besitzen einen beachtlichen Einfluß auf die sich in der Öffentlichkeit vollziehende Produktion kollektiven Wissens über die Dinge dieser Welt. Dabei ist erkennbar, daß der Beruf dieser Akteure nicht gerade darin besteht, um die Richtigkeit ihrer Behauptungen und die Triftigkeit ihrer Begründungen und Folgerungen übermäßig besorgt zu sein. Ihre Konkurrenzen um sozialen Einfluß und politische Macht befördern Verlautbarungs- und Agitationsstile öffentlicher Kommunikation, die dem Habermas-

23 22 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 schen Muster von Diskursen sicher nicht entsprechen (Neidhardt 1994b: 20ff.; vgl. Sarcinelli 1983; Patterson 1993; Kepplinger 1994). Verständigungsversuche zwischen den Kombattanten finden eher hinter verschlossenen Türen statt. In der Öffentlichkeit kommt es darauf an, selber Recht zu haben und den anderen aus dem Feld zu schlagen. Unter diesen Bedingungen tendiert der eigene Beitrag zum Kommunique, die Kritik am anderen zur Denunziation. Es ist sicher keine Ausnahme, was Rainer Mathes und Stefan Dahlem in ihrer Studie über „The Rental Law Conflict in the Election Campaign in the Federal Republic of Germany“ feststellten: „Our findings show that actors in conflict communication seldom refer directly to each other. In general, they argue on different levels and speak about different topics. Second, they deny to each other a communicative claim of validity. In particular, they cast doubt about the sincerity of the communication partner. Thus, our study shows that the concept of reception and comprehension as the aim of communication is obviously not very appropriate for the description of public communication“ (MathesDahlem 1989: 45). Zu pnifen bleibt allerdings, ob das behutsam, aber pauschal formulierte Urteil von Mathes und Dahlem nicht übermäßig generalisiert erscheint. Es bezieht sich auf einen spezifischen Konflikt, der zu Wahlkampfzeiten vollständig in den Parteienstreit hineingezogen war. Zum Ensemble derer, die als Sprecher immer wieder öffentlich werden, gehören aber auch Akteure, deren kognitive Integrität strukturell weniger angefochten erscheint, als dies bei den Kombattanten des Parteien- und Verbändesystems offenkundig der Fall ist. Auf der Suche nach relativ unabhängigen „Dritten“, die in die grassierenden Palaver weniger befangen eingreifen können, wäre nim Beispiel an die öffentliche Rolle des Bundespräsidenten zu denken, auch an die zunehmend wichtiger gewordenen Funktionen der Bundesgerichte. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang auch, daß die Medien nicht nur die Aufgabe wahrnehmen, Nachrichten zu vermitteln und dabei der „Chronistenpflicht“ zu genügen haben, auch Unsinn m verbreiten (sofern er denn als interessant und lehrreich erscheint). Sie erfiillen mit ihren Meinungsbeiträgen auch Kommentarlünktionen, mit denen sie Unsinn als Unsinn bezeichnen und kritisieren können. Wichtig ist im Hinblick darauf der Eindruck, daß mit dem Verschwinden der „Parteienpresse“ und mit der Privatisierung der Telekommunikation der bias „redaktioneller Linien“ zwar nicht verschwunden, die politische Unabhängigkeit der Medien aber deutlich gestiegen ist (Voltmer 1993). Insofern kommt der Figur der Kommentatoren in den Medien eine eigenständigere und einflußreichere Rolle ni, als die Medienforschung bislang wahrgenommen hat (vgl. Page/Shapiro/Dempsey 1987). Ich will darauf im folgenden nicht weiter eingehen, mich vielmehr etwas ausflihrlicher mit einer anderen Klasse von Akteuren befassen – jenen, die in den Medien als sogenannte Experten öffentlich werden. Mit ihnen stehen wir als Wissenschaftler selber auf dem Prüfstand, und es mag interessant sein zu sehen, wie wir dabei abschneiden.

24 Neidhardt: Öffentlichkeit und Selbstkontrolle: Die Rolle der Experten 23 Experten sind Leute, denen man unterstellt, daß sie von der Sache etwas verstehen, die auf die Agenda von Laien geraten ist. Sie gelten als Spezialisten der Fehlervermeidung, wenn es um empirische Sachverhalte und deren logische Bearbeitung geht. Ihr Kapital ist wissenschaftlich fundierte Expertise. Ihre Besonderheit besteht darin, daß sie diese Expertise auf praktische Fragen beziehen, mit denen der „common sense“ nicht allein fertig wird. Zu fragen ist: Wann und wo spielen diese Experten in der öffentlichen Meinungsbildung eine Rolle? Wer sind sie, und wer macht sie öffentlich? Welche Erwartungen werden an sie gestellt? Welche Wirkungen lassen sich ihnen zurechnen? Ich werde diese Fragen beim vorliegenden Forschungsstand nur zum Teil beantworten können. (1) Experten spielen in öffentlichen Kontexten in einem insgesamt wahrscheinlich zunehmenden, aber stark variierendem Ausmaß eine Rolle (Rip 1985). Im normalen Nachrichten- und Meinungsgeschehen tauchen sie in der Regel nicht auf. Man fragt nach ihnen, wenn fur den „cornmon sense“ Rätsel zusammen mit dem Bedühis aufkommen, diese Rätsel auch zu 1ö- Sen. Das ist bei unerklärlichen und gleichzeitig Angst machenden Unfällen und Katastrophen der Fall, bei der Furcht vor bedrohlich erscheinenden Risiken, bei ungelösten, aber f%r lösbar gehaltenen Konflikten. Der öffentliche Rekurs auf wissenschaftliche Experten vollzieht sich dann aber auch in einem disziplinenspezifisch ungleichen Ausmaß. Ich habe nicht nachgezählt, würde aber schätzen, daß Mediziner, Natur- und Technikwissenschaftler vergleichsweise häufig nachgefragt werden, neuerdings auch Demoskopen, in Deutschland immer wieder Juristen. Interessanterweise haben sich Ökonomen einen regelmäßig beanspruchten Expertenstatus gesichert; dies im Unterschied zu Sozialwissenschaftlern, die nur gelegentlich, 2.B. bei den Drogendebatten (Weßler 1993) und den noch laufenden Gewaltdiskussionen, etwas sichtbarer geworden sind. (2) Die Rekrutierung der Experten vollzieht sich vor allem durch Zuschreibung von Expertenstahis durch Journalisten. Die Wissenschaften beeinflussen diese Kooptation nur wenig; es sei denn, daß sie wie im Falle der Kern- und Genforschung selber kontrovers werden und aus der Defensive Public-Relations-Interessen entwickeln. Die in der Regel geringe Disziplinenkontrolle bei der Expertenbestellung bedeutet, daß Expertenstatus und fachliche Kompetenz im Durchschnitt nur mäßig korrelieren. Dies dürfte neben allem sonstigen auch damit zusarnmenhängen, daß in den Redaktionen Wissenschaftsjournalisten nicht nur wenig vertreten sondern, wenn vertreten, einen unterdurchschnittlichen Status besitzen (Genvin 1992; Neidhardt 1994a: 52), die Expertenrekrutierung mit ihrem Sachverstand also nur wenig beeinflussen. In diesem Sinne fand Gordon Shepherd, als er die Verwendung wissenschafllicher Kompetenz in der amerikanischen Berichterstattung über die Marihuana-Kontroverse untersuchte: „Over two thirds (69 percent) of those represented by the press as science authorities on marijuana had no citations to any work on marijuana published in science journals…; the great majority had, in fact, never done any research on marijuana at all“ (Shepherd 1981: 134). Überrepräsentiert fand Shepherd einerseits Wissenschaftler aus Behörden, andererseits prominente Wissen-

25 24 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 schaftler, die eine hohe allgemeine Reputation, allerdings keine spezielle Expertise besaßen, und zu der kleinen Gruppe der „Visible Scientists“ (Goodells 1977) gehörten, zum Beispiel Nobelpreisträger. Griffen Journalisten in diesem Falle zum Teil gewissermaßen zu hoch, so tendieren sie unter anderen Umständen häufig zur Bestellung fachlich unterqualifizierter Experten, nämlich dann. wenn sich wissenschaftliche Problemstellungen mit hochpolitisierten Konflikten verbinden. In dieser Lage führen einerseits das journalistische Ausgewogenheitsprinzip, andererseits die journalistische Vorliebe fur personalisierte Konfliktinszenierungen zu Ernennung und Gebrauch von Gegenexperten auch dann, wenn deren Expertise sehr fraglich ist (Kepplinger et al : 1 7). (3) Die Schöpfung von Gegenexperten stellt allerdings auch den Versuch dar, die Befangenheit von Wissenschaftlern in den Fällen auszubalancieren, in denen es um Konflikte geht, die das Eigeninteresse dieser Wissenschaftler materiell berühren. Die Integrität der Experten wird immer dann zweifelhaft, wenn Bestand und Zukunft der Forschung betroffen sind, an deren Projekten und Einrichtungen sie selber arbeiten, also in den Fällen öffentlich ausgetragener wissenschaftlich-technischer Kontroversen, die uns zum Beispiel und vor allem rund um Kern- und Genforschung bekannt sind. In diesen Fällen, in denen die Experten ihre eigenen Interessenvertreter darstellen, aber auch in den Fällen, in denen die vorhandene Expertise von den jeweils streitenden Parteien vereinnahmt erscheint und sich dann im Schlagabtausch selber paralysiert, kommt es zu einer Konfundierung von Experten- und Advokatenrollen, die weder der Qualität der Aufklärung und Beratung noch dem öffentlichen Ansehen der beteiligten Wissenschaften gut tun (Peters 1994: 165ff.). (4) Die das Publikum verwirrenden Expertenstreitigkeiten hängen in der Regel weniger mit den immer auch strittigen Wahrheitshgen der Wissenschaft als damit zusammen, was deren Entscheidung praktisch bedeutet. Helga Nowotny fand zum Beispiel bei ihren interessanten Untersuchungen über die Kernenergiedebatte der siebziger Jahre, daß „widersprüchliche wissenschaftliche Ergebnisse als Gründe für die Auseinandersetzung nur eine untergeordnete Bedeutung“ besaßen (Nowotny 1979: 122f.). Mehr noch: Man darf annehmen, daß der öffentliche Streit der Experten direkt oder über Umwege sogar nir Klärung wissenschaftlicher Fragen führen kann und insoweit auch zur Aufklärung des Publikums durchaus beiträgt. Das Dilemma der Experten ergibt sich bei ihren öffentlichen Engagements aus einem Überschuß an Erwartungen, welche die Wissenschaften prinzipiell überfordern. „Deus-ex-machinaM-Wünsche verwirrter Akteure und Zuschauer beanspruchen vom Experten nicht nur Aussagen darüber, was im Hinblick auf empirische Fragen unter bestimmten Bedingungen richtig und falsch ist, sondern vor allem die Festlegung dessen, was denn zu tun sei – und dies möglichst ohne Kautelen und bei Meidung des Konjunktivs. Jeder Wissenschaftler, der solchen Erwartungen nicht widersteht, gerät sehr schnell an die Grenze zur Scharlatanerie.

26 Neidhardt: Öflentlichkeit und Selbstkontrolle: Die Rolle der Experten 25 (5) Es ist nun erstaunlich zu sehen, daß alle Expertenprobleme, die hier angesprochen wurden: die Erkenntnisschwächen der Wissenschaften selber, irritierende Expertenstreitigkeiten, Fehlgriffe bei der Auswahl der Experten, deren Befangenheiten und Kompetenzüberschreitungen – daß all dieses offenkundig weder zum Verschwinden der Nachfrage nach Experten noch zum Zusammenbruch ihrer öffentlichen Reputation geführt hat. Was Heinz und Marianne Hartmann 1982 im Blick sowohl auf den selbstdestruktiven Eifer relativistischer Wissenschafikritik als auch auf die politischen Angriffe auf die Geltung professionalisierter Wissenschaften im Gefolge Ivan Illichs vom „Elend der Experten“ reden ließ, hat deren Status nicht erschüttert. Zwar gibt es im Publikum – Georg Ruhrrnann (1992: 186) hat dies kürzlich am Beispiel der Genforscher belegt – Ambivalenzen im Hinblick auf die Unabhängigkeit und Kritikfähigkeit wissenschaftlicher Experten, gleichzeitig aber eine Zuschreibung von Glaubwürdigkeit, welche das Ausmaß an Vertrauen gegenüber anderen Akteuren (z.b. der Industrie) deutlich übertrifft. Dies entspricht im übrigen den Spitzenstellungen, die Wissenschaftlern und wissenschaftsnahen Professionen in Umfragen zu Prestigeverteilungen von der Bevölkerung zugewiesen erhalten (siehe 2.B. Wegener 1985: 232E). Sehr interessant sind im übrigen Befunde, die Benjamin Page, Robert Shapiro und Glenn Dempsey in aufwendigen amerikanischen Untersuchungen über medienvermittelte Einflüsse auf die Veränderung von Bevölkerungseinstellungen fanden. Sie fanden, daß Medieneinflüsse signifikant davon abhängen, welche Sprecher die Medien zu Wort kommen lassen. Als fur das Publikum einflußreichste Sprechergruppen ermittelten sie einerseits Kommentatoren, anderseits aber auch Experten: ‚“experts‘ have quite a substantial impact on public opinion“, und die Autoren führen dies vor allem zurück auf „a high level of credibility, which we believe as crucial to their influence on the public“ (Page et al. 1987: 35,38). Ich will an dieser Stelle meine Analyse abbrechen und einige Folgerungen ziehen, die das Expertenthema auf den Zusammenhang allgemeinerer Öffentli~hkeits~robleme rückbezieht. Die zentralen Probleme öffentlicher Meinungsbildung ergeben sich aus dem Umstand, daß die Offenheit von Öffentlichkeit zwar dafur sorgt, daß zu diesem und jenem alles mögliche, was gedacht wird, auch geschrieben und gesagt werden kann und insofern eine relativ hohe Transparenz über das Denkbare mit all seinen Herausforderungen und Irritationen entstehen kann, gleichzeitig die Möglichkeiten kollektiver Lernprozesse aber dadurch eingeschränkt werden, daß die Willkür von Behauptungen und die Beliebigkeit der Folgerungen angesichts relativ schwacher Institutionalisierung kompetenter Kritik nur wenig kontrolliert und diszipliniert werden. Im Hinblick darauf sind die Funktionen unverzichtbar, die Experten und mit ihnen die Wissenschaft auch fur den öffentlichen Diskurs leisten können. Dabei geht es – ich will das noch eimal betonen – nicht um den Anspruch, Interessenkonkurrenzen aufheben und Wertekonflikte lösen zu können, wohl aber um die Möglichkeit, den legitimen Streit von vermeidbaren Fehlern zu befieien und ihn insoweit vernünftiger zu machen. Das vergleichsweise starke Vertrauen, das die Wissenschaft und ihre Experten im Publikum besitzen, gibt ihnen auch die

27 2 6 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Chance, in diesem Sinne wirksam zu werden. Das setzt neben allem sonstigen allerdings voraus, was keineswegs sicher und durchweg üblich ist: daß zwischen den Experten und in den Wissenschaften selber die Praxis kompetenter Kritik für zuverlässige Selbstkontrolle sorgt. Es bereitet mir Vergnügen, daß ich dies zum Jubiläum einer Wissenschaftseinrichhing sagen kann, die für die Selbstkontrolle einiger akademischer Disziplinen, nämlich der Sozialwissenschaften, ausgezeichnete Arbeit geleistet hat und sicher weiter leisten wird. Literatur Baerns, B., 1985: Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? Zum Einfluß im Mediensystem. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik. Eisermann, J., 1993: Selbstkontrolle in den Medien: Der Deutsche Presserat und seine Möglichkeiten. Discussion Paper FS I Berlin: WissenschaRszentnim. Gerwin, R., (Hg.) 1992: Die Medien zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Stuttgart: Hirzel. Goodell, R., 1977: The visible scientists. Boston/Toronto: Little Brown. Groebel, J., et al., 1994: Bericht zur Lage des Fernsehens für den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Mskr. Hartmann, H.M. Hartmann, 1982: Vom Elend der Experten. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 34: Kahane, H., 1971 : Logic and contemporary rhetoric. The use of reason in everyday life. Belmont, Calif : Wadsworih. Kepplinger, H. M., 1994: Publizistische Konflikte. S in: F. Neidhardt (Hg.), Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift fur Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag. Kepplinger, H. M./S. Ehmig/C. Ahlheim, 1991: Gentechnik im Widerstreit. Frankfixt a.m.: Campus. Listhaug 0.M. Wiberg, 1993: Confidence in political and private institutions. Paper for presentation at the Meeting of the ESF-Project „Beliefs in Government“. Budapest: The Central European University. Mathes, R./S. Dahlem, 1989: Campaign issues in political strategies: The rental law conflict in the election campaign in the Federal Republic of Germany. Political Communication and Persuasion 6: Mazur, A., 1981 : The dynamics of technical controversy. Washington D.C.: Communications Press. McManus, J., 1992: What kind of commodity is news? Communication Research 19:

28 Neidhardt: Öflentlichkeit und Selbstkontrolle: Die Rolle der Experten 2 7 Merton, R. K., 1972: Wissenschaft und demokratische Sozialstruktur. S in: Peter Weingart (Hg.), Wissenschaftssoziologie I: Wissenschaftliche Entwicklung als sozialer Prozeß. Frankfurt a.m. : Athenäum. Neidhardt, F., 1994a: Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit~~robleme der Wissenschaft. S in: W. Zapf/M. Dierkes (Hg.); Institutionenvergleich und Institutionendynamik. WZB- Jahrbuch Berlin: sigrna. Neidhardt, F., 1994b: Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegung. S in: F. Neidhardt (Hg.), Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegung. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag. Nowotny, H., 1979: Kernenergie. Gefahr oder Notwendigkeit? Anatomie eines Konflikts. Frankfurt a. M. Page, B. 1.R. Y. ShapiroIG. R. Dempsey, 1987: What moves public opinion? American Political Science Review 81 : Patterson, T. E., 1993: Out of order. New York: Knopf. Peltu, M., 1985: The role of communications media. S in: H. OtwayIM. Peltu (Hg.), Regulating industrial risks. Science, hazards and public protection. London: Butterworths. Peters, H. P., 1994: Wissenschaftliche Experten in der öffentlichen Kommunikation über Technik, Umwelt und Risiken. S in: F. Neidhardt (Hg.), Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift fk Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag. Rip, A., 1985: Experts in public arenas. S in: H. OtwayIM. Peltu (Hg.), Regulating industrial risks. Science, hazards and public protection. London: Butterworths. Ruhrmann, G., 1992: Genetic engineering in the press: a review of research and results of a content analysis. S in: J. Durant (Hg.), Biotechnology in public. A review of recent research. London: Science Museum. Sarcinelli, U., 1983: Symbolische Politik im Wahlkampf. Koblenz. Schmitt-Beck, R.B. Pfetsch, 1994: Politische Akteure und die Medien der Massenkommunikation. S in: F. Neidhardt (Hg.), Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag. Shepherd, G. R., 1981 : Selectivity of sources: Reporting the marijuana controversy. Journal of Communication 31 : Voltmer, K., 1992: Masse media: Political independence of press and broadcasting systems. Discussion Paper FS Berlin: Wissenschaftszentmm WZB. Wegener, B., 1985: Gibt es Sozialprestige? Zeitschrift für Soziologie 14: Weßler, H., 1993: Die Verwendung sozialwissenschaftlichen Wissens in den Massenmedien. Das Beispiel der drogenpolitischen Legalisierungsdebatte. Magisterarbeit, FU Berlin: Fachbereich Kommunikationswissenschaften.

29 28 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 ZUR ENTWPC~UNG DER EMPIRISCHEN SOZI&FORSCH~[UNG IN DER B~DESREPUBLIK DEUTSCHL~D*) Christel Hopf und Walter Müller n diesem Beitrag wird versucht, die Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland seit den fünfziger Jahren darzustellen. Dabei interessieren vor allem Fragen der Methodenentwicklung und die Charakterisierung von Veränderungen. Diese werden für die quantitative und die qualitative Sozialforschung im einzelnen nachgezeichnet und erläutert. Insgesamt hat die Bedeutung der empirischen Sozialforschung innerhalb der Soziologie erheblich zugenommen. Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung sind vor allem die folgenden Veränderungen hervorzuheben: Vielfalt und Komplexität der Erhebungsverfahren, insbesondere der Interview- und Beobachtungstechniken in der qualitativen Forschung, haben zugenommen; durch regelmäßige Erhebungen und generelle Datenzugänglichkeit hat sich die Datenbasis für viele Bereiche der soziologischen Forschung erheblich erweitert; eine eigene Methodenforschung konnte sich etablieren und in der quantitativen Analyse von Daten werden zunehmend komplexe Verfahren angewandt. Im Bereich der qualitativen Forschung gibt es wesentlich verbesserte Verfahren der Datenprotokollierung und damit verbunden gestiegene Möglichkeiten kontrollierter Dateninterpretation. he paper describes the development of empirical social research in the Federal Republic of Germany since the 1950’s. Emphasis is placed on discussing the development of research methods and on characterizing important changes, for both quantitative and qualitative social research. The significance of empirical social research within sociology has in general increased considerably. Arnong major changes are: the diversity and complexity of data collection procedures – in particular, interview and observation techniques in qualitative research – have increased; the expansion of data infrastructure resulting from programs of regular data collection in many areas of sociological research; the emergence of research methods as a specialized domain of research and the application of increasingly elaborate statistical procedures; in qualitative research the considerable improvement achieved in procedures for recording data

30 HopfMüller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschund 29 and protocoling observations and, linked to this, the improvements achieved in standards of controlled interpretation. Einleitung In den letzten vierzig Jahren hat sich die empirische Sozialforschung in Deutschland grundlegend verändert. Ihre Bedeutung innerhalb der Soziologie hat erheblich zugenommen, es wurden neue Forschungsfelder erschlossen, und alte, in der Vergangenheit rein begrifflich oder theoretisch geführte Kontroversen entfalteten auf der Grundlage empirischer Daten und Analysen neue Dynamik. Besonders dramatisch sind die Veränderungen im Bereich der Methoden der empirischen Sozialforschung. Weitreichende Veränderungen sind zu verzeichnen: im Zugang zu sozialwissenschaftlichen Daten: Vielfalt und Komplexität der Erhebungsverfahren – insbesondere der Interview- und Beobachtungstechniken – haben zugenommen; im Bereich der Auswertung sozialwissenschaftlicher Daten: Elaborierte statistische Verfahren, die es in den funfziger Jahren zum Teil nicht gab oder die zum Teil kaum bekannt waren, gehören zum Alltag der quantitativen Forschung, die Intensivierung und Vertiefung hermeneutisch-interpretativer Verfahren zum Alltag der qualitativen Forschung; in der Nutzung vorliegender Survey-Daten flir Sekundäranalysen; in der Tendenz zu einer engeren Verknüpfung von Theorie und Empirie. In den folgenden Abschnitten sollen diese hier zunächst nur kursorisch bezeichneten Entwicklungen genauer charakterisiert werden. Wir gehen dabei von einer knappen Skizze der Situation der empirischer Sozialforschung in den hfziger Jahren aus und versuchen sodann, Trends der Entwicklung im Bereich der quantitativen und qualitativen Sozialforschung zu beschreiben. Wir konzentrieren uns dabei auf ausgewählte Fragen der Methodenentwicklung. Veränderungen der Sozialforschung in einzelnen inhaltlichen Bereichen der Soziologie – etwa in der Industriesoziologie, in der Politikforschung oder in der Schichtungsforschung – sollen erwähnt werden, soweit dies zum Verständnis erforderlich ist. Sie sind jedoch kein eigener Gegenstand dieses Artikels. Ebenso können wir in diesem Artikel leider auch nicht angemessen auf Besonderheiten der Methoden-Entwicklung in Ostdeutschland eingehen (vgl. zu dieser auch den Artikel Hg. Meyers, in Schäfers 1994), sondern wir konzentrieren uns auf die Methoden-Entwicklung in Westdeutschland. Die Situation der Sozialforschung in den fünfziger Jahren In den fünfziger Jahren konnte sich die Soziologie als Wissenschaft im Bereich der Universitäten und in außeruniversitären Forschungseinrichtungen wieder etablieren. Dennoch waren die Verluste, die durch den Nationalsozialismus, die erzwungene Emigration bedeutender Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen und politische Verfolgung entstanden waren, einschneidend (vgl. hierzu Lepsius 1979; Tenbruck 1979). Der Bezug zu relevanten theoretischen Traditionen der deutschen Soziologie wurde mühsam wieder hergestellt, zum

31 30 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Teil durch die Rezeption der Rezeption dieser Traditionen in den USA. Im Bereich der empirischen Sozialforschung war die Situation eher noch schwieriger. Im nationalsozialistischen Deutschland hatte man relevante Jahre der Methodenentwicklung und – diskussion verpaßt, und im Deutschland nach 1945 konnte man darüber hinaus auch nicht ohne weiteres auf lebendige Forschungstraditionen in den zwanziger Jahren zurückgreifen. Solche hatte es in Österreich gegeben – in den Arbeiten Marie Jahodas, Paul Lazarsfelds, Hans Zeisels und anderer -, in Deutschland dagegen in wesentlich geringerem Umfang. Die empirischen Arbeiten des Frankfurter Instituts fur Sozialforschung wurden erst in der Emigration bekannt, in den 1936 veröffentlichten „Studien zu Autorität und Familie“. In vielen anderen Bereichen der Soziologie in der Weimarer Zeit dominierten theoretische und historische Analysen. Empirische Sozialforschung im engeren Sinn spielte dagegen eine sehr geringe Rolle. Es ist daher nicht erstaunlich, daß Rene König Mitte der fifziger Jahre in der zweiten Auflage der fur die Methoden-Ausbildung sehr einflußreichen „Praktischen Sozialforschung“ kritisch anmerkt, daß einige neuere empirische Untersuchungen immer noch „eine ganz ungewöhnliche methodologische und forschungstechnische Ahnungslosigkeit“ dokumentierten (König 1962, S. 8). Forschungseinrichtungen, die in der Phase des Aufbaus und der Konsolidierung der empirischen Sozialforschung in Westdeutschland eine wichtige Rolle spielten, waren unter anderen: die 1946 gegründete „Sozialforschungsstelle Dortmund“ an der Universität Münster, das UNESCO-Institut fur Sozialwissenschaften (Köln), verschiedene Meinungsforschungsinstitute und Forschungsinstitute an einzelnen Universitäten, so etwa das Institut flir Sozialfo5chung in Frankfurt. Es wurde von Theodor Adorno und Max Horkheimer, die aus dem Exil zurückgekehrt waren, geleitet. Hier konnten Forschungstraditionen der Weimarer Zeit und der Exil-Zeit – so etwa auch die Forschungstraditionen zur „Authoritarian Personality“ – unmittelbar aufgegriffen werden (vgl. zur Geschichte des Frankfurter Instituts Wiggershaus 1986). Zu den bekannten Studien, die an diesen unterschiedlichen Forschungsinstituten entstanden, gehören unter anderen: die von Friednch Pollock herausgegebene Arbeit nim „Gruppenexperiment“ (1955). Sie enthält die Ergebnisse der methodologischen Arbeiten zum Verfahren der Gruppendiskussion und informiert zugleich auch über wichtige inhaltliche Ergebnisse, die arn Frankfurter Institut mit Hilfe von Gruppendiskussionsverfahren erzielt wurden. Diese sind deshalb besonders interessant, weil sie Auskunft über die Reaktionen der Deutschen auf den Nationalsozialismus und den Holocaust und über typische Formen der Abwehr und Rationalisierung geben. Andere wichtige Untersuchungen sind: die von Erich Reigrotzki durchgefuhrte Untersuchung zur „sozialen Verflechtung in der Bundesrepublik“ (1956); die von Heinrich Popitz, Hans Paul Bahrdt u.a. in einem Hüttenwerk des Ruhrgebiets durchgeführten Studien zum „Gesellschaftsbild des Arbeiters“ und zu „Technik und Industriearbeit“ (beide 1957) und Renate Mayntz‘ Untersuchung zu sozialer Schichtung und sozialem Wandel in einer Industriegemeinde (1958).

32 Hop~XMüller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschund 31 All diese Studien genossen ein hohes Ansehen und galten als methodisch anspruchsvolle Untersuchungen. Sie sind deshalb besonders gut geeignet, ein Bild von den damaligen Möglichkeiten und Grenzen der Sozialforschung zu vermitteln. Im folgenden sollen diese knapp charakterisiert werden: Nur Reigrotzkis Untersuchung basierte auf einer repräsentativen Zufallsstichprobe. Sie stand damit in der wissenschaftlich und akademisch orientierten Sozialforschung der fiinfziger Jahre als herausragend da. Repräsentative Umfragen spielten lediglich in den kommerziellen Meinungsforschungsinstituten eine Rolle (vgl. Lepsius 1979, S. 35, S. 57). Soweit in den Studien quantifiziert und gerechnet wurde, beherrschten einfache Verfahren der deskriptiven Statistik das Feld. Man beschränkte sich überwiegend auf die Analyse zwei-dimensionaler Tabellen (vgl. hierzu auch Lüschen 1979, S. 183 f.) – gegebenenfalls technisch unterstützt durch Hollerith-Karten und die hiermit gegebenen Auswertungsmöglichkeiten (vgl. z.b. Mayntz 1958). Die von Popitz u.a. durchgeführte Untersuchung dokumentiert ebenso wie R. Mayntz Gemeinde-Studie ein waches Interesse an der historisch bezogenen Einzelfallanalyse: eines Hüttenwerkes im Ruhrgebiet und einer Industriegemeinde (Euskirchen) in Nordrhein- Westfalen. Damit einher geht das Bestreben, diese Einzelfalle als in sich stniktunerte soziale Gebilde, mit ihren institutionellen Eigenheiten angemessen zu beschreiben. Dieser historische und institutionelle Bezug war in der damaligen Forschungslandschaft nicht unüblich, wie beispielsweise auch die institutionsbezogenen Analysen im Bereich der Politischen Soziologie – etwa in den Arbeiten Otto Stammers (1964) – zeigen. Ebenso waren qualitative Verfahren der Datenerhebung und -analyse in der Soziologie der fiinfziger Jahre recht verbreitet. Sie spielen auch in der Pollock-Studie und in der von Popitz u.a. durchgefiihrten Untersuchung in der Hütteninudstrie eine erhebliche Rolle. Popitz u.a. stützen sich im Zusammenhang mit ihren Auswertungsarbeiten auf Gedächtnisprotokolle von teil-standardisierten Interviews und auf relativ offene Beobachtungen. Grundlage der Auswertungsarbeiten des Frankfurter Instituts (Pollock 1955) sind die Transkripte von Gruppendiskussionen. Sie wurden, was in der Sozialforschung der funfziger Jahre eher unüblich war, mit einem Tonbandgerät aufgenommen. Beide Studien sind Beispiele theorie-orientierter qualitativer Forschung. In ihnen wird das Interesse an der EntwicMung von Typologien und Hypothesen mit dem Interesse an einer Prüfung von Hypothesen und der Prüfung der Angemessenheit der typologisierenden Beschreibungen verbunden. Qualitative Verfahren der Erhebung und Analyse sozialwissenschaftlicher Daten spielten auch in der sich etablierenden Methodenausbildung an den Universitäten – und zwar auch in der Grundausbildung – eine nennenswerte Rolle. Dies zeigen besonders anschaulich die von Rene König herausgegebenen Bände der „Praktischen Sozialforschung“, deren 2. Auflage Mitte der

33 32 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November I994 sechziger Jahre erschien und die die Methoden-Ausbildung an den Universitäten bis in die sechziger Jahre hinein beeinflußten. Unter den aus dem Amerikanischen übersetzten Beiträgen gibt es mehrere instruktive Beiträge zu qualitativen Verfahren. Zu ihnen gehören die Artikel des Bureau of Applied Social Research (Columbia University) über qualitative Interviews und die qualitative Auswertung dokumentarischen Materials; ein Beitrag Marie Jahodas u.a. zu Fragen der Auswertung und Interpretation sozialwissenscharlicher Daten, bei dem die Analyse qualitativer Daten eine erhebliche Rolle spielt, und Beiträge Florence Kluckhohns und Jahodas u.a. zu ausgewählten Aspekten offener Beobachtungen. Es zeichnete sich jedoch schon bald ab, daß die Methoden-Entwicklung in eine andere Richtung gehen würde. Ein wichtiges Signal in der Richtung quantitativer Forschung auf der Grundlage standardisierter Befragungen ist beispielsweise Erwin K. Scheuchs Interview-Artikel in dem von Rene König herausgegebenen „Handbuch der empirischen Sozialforschung“, dessen erster Band 1962 erschien. Scheuch setzt sich hier unter anderem auch mit der Kritik an standardisierten Interviews auseinander (vgl. Scheuch , S. 121 ff.), nach der diese differenziertere und tiefer liegende Einstellungen nicht erfassen könnten. Diese Kritik wird als im wesentlichen gegenstandslos erklärt. Das qualitative Interview wird als eher randständige Form des Interviewens dargestellt, geeignet zur Exploration und zur Vorbereitung von Untersuchungen und standardisierten Fragebögen. Damit ist eine Position umrissen, die in Arbeiten zur empirischen Sozialforschung längere Zeit bestimmend war. Erst später, in den siebziger Jahren, gab es einen erneuten Aufschwung in Diskussion und Praxis qualitativer Forschung (vgl. hierzu auch Abschnitt 4 dieses Beitrages). 3. Trends der EnbvicMnnag Im Bereich quantitativer Forschung Gemessen am praktisch völligen Fehlen empirischer Forschungstraditionen und entsprechend qualifizierter Forscher am Ende des Zweiten Weltkrieges ist die heute fest verankerte quantitative empirische Sozialforschung eine wissenscharssoziologisch bemerkenswerte Entwicklung. Ihr Aufbau wurde nicht unwesentlich durch die von vielen Seiten unterstellte große Bedeutung ihres Instmentariums fur politische Ziele und Anliegen gefordert: Zunächst durch das Anliegen vor allem der amerikanischen Besatzungsmacht, die Entwicklung der politischen Orientierungen und der Akzeptanz demokratischer Werte und Institutionen in der deutschen Bevölkerung zu beobachten. Die politische Meinungsforschung kann als einer der stärksten Impulse fur eine Vielzahl von Bevölkerungsurnfi-agen in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gelten und forderte nicht unwesentlich deren Etablierung. In der sozialliberalen Ära trug dann eine gewisse Planungsgläubigkeit mancher politischer Instanzen dazu bei, daß (bei allen ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Soziologie selbst) mit der Expansion der Hochschulen auch eine Soziologie mit Schwerpunkten in der empirischen Sozialforschung entstehen konnte.

34 Hopj7Müller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschand 33 Ohne tatkräftige Promotoren in der Soziologie selbst wäre es wohl nicht dazu gekommen. Dabei hat Rene König als Lehrer, Herausgeber der zentralen Standardwerke der empirischen Sozialforschung und Förderer der empirischen Forschung, u.a. durch den in Köln zusammen mit Erwin Scheuch betriebenen Aufbau mehrerer sozialwissenschaftlicher Institute, besondere Verdienste. Viele der später hauptsächlich methodisch ausgerichteten Soziologen haben zumindest einen Teil ihres Studiums oder der fi-iihen wissenschaftlichen Kaniere bei König in Köln absolviert. In Köln entstand nicht nur das Zentralarchiv für empirische Sozialforschung (ZA). Im Kölner Kontext entstand auch die empirische politikwissenschaftliche Forschung, insbesondere die Wahlforschung. Rudolf Wildenmann und Max Kaase brachten sie in den sechziger Jahren von Köln nach Mannheim. Dort konnte, unterstützt von Hans Albert und M. Rainer Lepsius, an der Fakultät für Sozialwissenschaften und durch Beteiligung in Sonderforschungbereichen zur sozialpsychologischen Entscheidungsforschung (Irle 1982) und zur Sozialindikatoren- und Gesellschaftspolitikforschung ein weiteres Zentrum quantitativer Sozialforschung aufgebaut werden. Schwerpunkte neben der politischen Soziologie bilden die in Deutschland vor allem durch Wolfgang Zapf vorangebrachte Sozialindikatoren- und Wohlfahrtsforschung (Zapf 1977), die Sozialstrukturanalyse (Handl/Mayer/Müller 1977) sowie die vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung (Flora 1983). Mit der Gründung von ZUMA e.v. (1974) kam ergänzend vor allem die sozialwissenschaftliche Methodenforschung (Kaasel Küchler 1985) hinzu. Von sehr beschränkten Forschungskapazitäten und Erfahrungen in der Nachkriegszeit ausgehend, ist inzwischen eine differenziert ausgebildete Forschungslandschaft entstanden. Jahr fur Jahr werden in den unterschiedlichsten Feldern an vielen Universitäten und Forschungsinstituten eine beachtliche Zahl mit quantitativen Methoden arbeitender Projekte durchgern. Im Zeitverlauf hat sich darin nicht viel geändert, daß die Behgung als Datenerhebungsinstmment dominiert. Bei einer beobachtbaren Gewichtsverlagerung zwischen verschiedenen Behgungsformen hat diese Dominanz eher noch zugenommen (KühnelJRohlinger 1992). Während die telephonische Befragung immer noch eine sehr geringe Rolle spielt, hat seit den siebziger Jahren die schriftliche Befragung an Bedeutung gewonnen, zum Teil weil Forschungsbereiche expandierten, in denen dieses Insment mit gutem Erfolg eingesetzt werden kann (beispielsweise in der Bildungsforschung durch Befragung von Schulklassen), zum Teil aber auch aus forschungspragmatischen Gründen und als Folge verbesserter Techniken beim Einsatz der schriftlichen Befragung: Auch im deutschen Kontext konnten mit Dillman’s total design-methode die Teilnahrnequoten zum Teil auf Niveaus gesteigert werden, die denen der persönlichen Befragung vergleichbar sind (HipplerISeidel 1985).1) Bei den persönlichen Behgungen dagegen sind die Kosten massiv gestiegen. Die Befragungsausfalle haben ein sehr hohes Niveau (oft Prozent) erreicht, bei dem mit Repräsentativitätsverzerrungen erheblichen Ausmaßes gerechnet werden muß (Esser u.a. 1989; HartrnannISchimpl-Neimanns 1992).

35 34 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Bei dieser nicht unproblematischen Entwicklung der persönlichen Befragung als Erhebungsinstniment hat sich dennoch gerade durch die kontinuierliche Umfrageforschung die Grundlage fur Analysen der Entwicklung der deutschen Gesellschaft mit quantitativ auswertbaren Daten erheblich verbessert. Seit Ende der siebziger Jahre werden regelmäßig oder zu bestimmten Anlässen große Querschnitte der Bevölkerung in unabhängiger sozialwissenschaftlicher Regie befragt. Zu diesen Erhebungen gehört zunächst die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), die seit 1980 in zweijährigem Turnus neben ausfiihrlichen Daten zur farnilialen und sozialen Lage vor allem Informationen zu einem vielfaltigen Spektrum von Einstellungen der Bevölkerung erhebt. Das seit 1984 durchgewe sozioökonomische Panel ermöglicht es, durch die jährlich wiederholte Befragung aller Angehörigen von etwa 5000 Haushalten den Wandel in den Lebensbedingungen und den Lebensweisen sowohl im Verlaufdes Lebens von Individuen wie im Kontext ihrer familialen oder vartnerschafilichen Zugehörinkeiten zu analysieren. Die seit 1978 in unregelmäßiger Folge erhobenen Wohlfahrtssurveys geben Aufschluß über die Entwicklung der aus objektiven Lebensbedingungen und subjektiven Bewertungen resultierenden Wohlfahrt der Bevölkerung (vgl. GlatzerIZapf 1984), während die seit (vgl. Scheuch/Wildenmann 1965) im Zusammenhang aller Bundestagswahlen erfolgten und insbesondere von Max Kaase, Hans-Dieter Klingemann und Franz Urban Pappi betreuten Wahlstudien die Bedingungen des Wahlverhaltens und den Wandel in den jeweils wahlentscheidenden Faktoren zu untersuchen erlauben. Seit 1976 fbhrt ZUMA mit dem ZUMABUS (jetzt Sozialwissenschaftenbus) zum Teil mehrmals jährlich eine Repräsentativstudie durch, in der Forscher durch Teilfinanzierung Fragebogenteile nach ihren Interessen formulieren und gestalten können. Dies erleichtert vor allem für kleinere Projekte die Sammlung bevölkerungsrepäsentativer Daten. Mit dem 1988 erstmals durchgefuhrten und als Wiederholungsstudie geplanten großen Farniliensurvey des Deutschen Jugendinstituts in München (Bertram 199 1) wurden insbesondere für die in Deutschland gut entwickelte empirisch orientierte Familiensoziologie weitere reichhaltige Datenquellen geschaffen. Zunehmend stellen auch Institutionen der kommerziellen oder politischen Markt-, Meinungsund Sozialforschung den Sozialwissenschaften regelmäßig erhobene Daten zur Verfügung (z.b. Daten der jährlichen Medienanalyse, des halbjährlichen Eurobarometers und der monatlichen Politbarometer der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen). Schließlich hat sich nach Klärung der Anonymisierungsproblematik (Müller u.a. 1990) auch der Zugang zu Mikrodaten der Statistischen Ämter (bisher vor allem dem Mikrozensus und der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, in absehbarer Zeit hoffentlich auch der Beschäftigtenstatistik der Bundesanstalt für Arbeit) verbessert. Ähnlich wie in einer Reihe anderer Länder entstehen also durch das Poolen von Forschungsmitteln große und wertvolle, kontinuierlich fortgesetzte Datenbasen als eine Art kollektives Gut für die interessierte Wissenschaftler-Comrnunity, die ein einzelner Forscher oder eine einzelne Institution kaum schaffen könnte. Die meisten dieser Daten stehen hauptsächlich über das Kölner Zentralarchiv für empirische Sozialforschung

36 HopfMüller: Zur Entwicklung der empirischen SoziaIforschung in der Bundesrepublik Deutschund 35 (ZA) friiher oder später allen interessierten Forschern zur Verfügung. Aus der allgemeinen Zugänglichkeit ist ein großes Potential entstanden, den sozialen Wandel der deutschen Gesellschaft in vielfältigen Aspekten kontinuierlich zu beobachten und zu analysieren (vgl. dazu den seit 1985 erscheinenden Datenreport – Statistisches Bundesamt 1985). Mit dem raschen Einbezug der neuen Bundesländer in diese Datenerhebungsprogramme besteht auch eine Grundlage, in diese empirische Gesellschaftsanalyse auch die mit der deutschen Vereinigung entstandenen neuen Probleme und Herausforderungen einzubeziehen. Die mehr oder weniger weitreichende Verstetigung der Surveyforschung war nicht folgenlos für die Ausgestaltung von Erhebungsinstrumenten. Im Hinblick auf die geplante Regelmäßigkeit der Datenerhebungen erschien es lohnend, Standardinstmente und -Verfahren zu entwickeln und zu prüfen, die in jeder Erhebung in gleicher Weise oder in der Form variabler Befragungsmodule eingesetzt werden können. Am folgenreichsten war diesbezüglich wahrscheinlich das von ZUMA erarbeitete Instrumentarium der „Standarddemographie“, d.h. die Entwicklung einer Reihe von Fragen und Codierschemata zur Erfassung demographischer und sozioökonomischer Variablen wie Familienstand, Partnerschafts-, Familien- und Haushaltsformen, Stellung zum Erwerbsleben, Berufszugehörigkeit, Beruf, sozioökonomischer Status, Einkommen und Einkommensquellen (Pappi 1979; Ehling u.a. 1992). In die gleiche Richtung der Verstetigung von Datenerhebungen weist auch das ZUMA-Skalenhandbuch, in dem geprüfte Meßinstmmente zu zahlreichen sozialwissenschaftlichen Konzepten zusammengetragen und dokumentiert sind (AllmendingerlSchmidtNegener 1983). Zur erhöhten Vergleichbarkeit von Forschungsbefimden haben auch Arbeiten zur Verbesserung der Skalenqualität bei Variablen wie sozioökonomischer und sozialer Status (HandVMayer/Müller 1977), Berufsprestige (Wegener 1988), soziale Klassenzugehörigkeit (Kurz 1985), soziale Empfindungen (KrebsISchuessler 1987) oder die Entwicklung von Haushalts- und Familientypologien beigetragen. Der mit der Verwendung von Standardinstmmenten zunehmend replikative Charakter der genannten Datenerhebungen hat wesentlich die Möglichkeiten verbessert, Daten unterschiedlicher Erhebungen miteinander zu vergleichen oder Datensätze zu kumulieren und damit das Analysepotential zu vervielfachen. Neben den Vorzügen kann sich die Verfügbarkeit von Standardinstnimenten unter Umständen aber auch als Innovationsbremse auswirken. Bei aller Bedeutung, die die allgemein verfügbaren Datenbasen und eine gewisse Standardisierung der in ihnen verwandten Instrumente nicht zuletzt auch für die Lehre quantitativer Methoden gewonnen haben, kommt die Vielfalt und der Reichtum der Forschung erst durch die vielen im Rahmen von Einzelprojekten durchgefiihrten Untersuchungen zustande. Sie können hier nicht im einzelnen dokumentiert werden. Ein Resümee solcher Projekte würde aber deutlich machen, daß auch in der quantitativen Forschung keineswegs immer ein repräsentatives Abbild der Gesamtbevölkerung erforderlich oder wünschenswert ist. Die Untersuchungsanlage muß theoretisch gezielt dem gewählten Forschungsproblem entsprechen. Dabei kann die systematische Variation unterschiedlicher Kontexte oder eine wiederholte Beobachtung im

37 36 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Falle der Analyse dynamischer Prozesse viel wichtiger sein als die Auswahl repräsentativer Bevölkerun~squerschnitte. Eine Überbetonung dieses Typs der Umfiageforschung ergäbe ein viel zu enges Bild quantitativer Forschung. So wird in jüngster Zeit auch die lange vernachlässigte quantitative Analyse von Organisationsentwicklungen, insbesondere von Betrieben und Unternehmen aufgegriffen. Durch die Befragung entsprechender Stichproben (z.b. in der Münchner Gründerstudie Brüderl/Preisendörfer/Ziegler 1993) oder durch das große zur Zeit laufende Betriebspanel des TAB (Projektgruppe Betriebspanel 1993) können die bislang in der Regel eher fallstudienartig angelegten Untersuchungen der Industriesoziologie ergänzt werden. Die in jahrelanger Arbeit entstandenen Aggregatdatenbanken (z.b. die Datenbank des Münchner Jugendinstituts oder von Eurodata in Mannheim) stellen fur die Regionalforschung eine unschätzbare Ressource dar und lassen in Zukunft sowohl auf der innerdeutschen wie der europäischen Ebene vermehrt Untersuchungen zur sozialen Differenzierung im Raum envarten. Für die Inhaltsanalyse hat sich durch die zunehmende VerfUgbarkeit Edv-gespeicherter Texte und durch die Entwicklung automatischer Verfahren der Textcodierung und Textanalyse (ZüIüMohler 1992) das Potential fur die Anwendung quantitativer Verfahren in hohem Maß gesteigert. Schließlich hat auch die systematische Aufbereitung und Analyse von Dokumenten dazu beigetragen, wichtige Aspekte gesellschaftlicher Realität aufnihellen: die Auswertung von Geschäftsberichten z.b. Ausmaß und Muster der Untemehmensverfiechtung (Ziegler 1984), Akten der Sozialbehörden den Verlauf von Sozialhilfekarrieren (Buhr u.a. 1990) oder Gerichtsakten die Definition, Erfassung und Verarbeitung von Kriminalität im Rechtssystem. Während die deutsche Methodenliteratur der ersten Nachkriegsjahrzehnte noch überwiegend von der Übernahme und Aufarbeitung amerikanischer Quellen geprägt war, kann sich seit etwa Mitte der sechziger Jahre auch eine eigenständige Methodenforschung etablieren. Viele Untersuchungen machen wiederum vor allem die Befragung und die Behgungsmethodologie zum Gegenstand empirischer Forschung. Dabei erweisen sich zwei Zugänge als besonders produktiv: Zunächst ist dies die Analyse der Befragung als sozialer Prozeß, also der Versuch, das bei einer Befragung ablaufende Geschehen durch eine allgemeine Handlungstheorie zu erklären und daraus Konsequenzen fur die Gestaltung der Erhebungsbedingungen, die Frageformulierung und die Fragbogengestaltung abzuleiten (zu entsprechenden Versuchen der theoretischen Fundierung vgl. z.b. Esser 1975). In jüngerer Zeit steht mit ähnlichen Zielsetzungen die Untersuchung des Behgtenverhaltens im Lichte kognitionspsychologischer Theorien der Informationsverarbeihing im Vordergrund von Forschungen zur Befiagungsmethodologie (z.b. SchwarzlStrack 1991). Eine Reihe anderer Forschungstraditionen, 2.B. Untersuchungen zum Feldgeschehen bei der Befragung (MeulemannlReuband 1984), die systematische Prüfung von Interviewereffekten (Hoag/Allerbeck 1981), die Analyse der Reliabilität von Surveyfiagen durch Test-Retest-Studien (Bohrnstedt u.a. 1987) oder Untersuchungen zur Stichprobenbildung in der Surveyforschung (Schnell 1991), sowie Studien zum Vergleich schriftlicher, telefonischer und mündlicher Interviews oder spezieller z.b. der Konsequenzen unter-

38 HopfMiiller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschund 37 schiedlicher Namensgeneratoren in Erhebungen sozialer Netzwerke befördern ebenfalls die allmähliche Professionalisierung der Datenerhebungen auch in Deutschland. Neben der Befragung ist vor allem die Artefaktproblematik beim Laborexperiment (im Überblick Bungard 1984) Gegenstand systematischer Methodenforschung geworden. Allmählich finden die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten auch Eingang in den neueren Lehrbüchern zur sozialwissenschaftlichen Methodenlehre (Schnell/Hill/Esser 1988; Laatz 1993). Die umfassendsten Veränderungen in der quantitativ orientierten empirischen Soziologie haben sich (wie in vielen anderen Ländern) in der Datenanalyse und in der statistischen Modellierung vollzogen. In Deutschland setzt die zunehmende Forrnalisierung und Anwendung fortgeschrittener statistischer Verfahren fitihestens mit der zweiten Soziologengeneration nach dem Zweiten Weltkrieg ein (u.a. Ziegler 1972; Pappi ohne Jahr). Der von HummeVZiegler (1976) herausgegebene Sammelband „Korrelation und Kausalität“ enthält erst wenige Beiträge von in Deutschland arbeitenden Soziologen. Weil in Deutschland die Statistik stärker mit der Ökonomie oder der Mathematik als mit den Sozialwissenschaften verbundenen ist und wegen der vergleichsweise geringen Kooperation über die Fachgrenzen hinweg, sind auch in der Folge nur über wenige an deutschen Universitäten arbeitende Statistiker (z.b. Gerhard Arminger oder Alfred Hamerle) deutliche Impulse in die Sozialwissenschaften geflossen und von dort aufgenommen worden. Im wesentlichen wurden in sukzessiven Wellen die vor allem in den USA, teilweise auch in Skandinavien und England entwickelten fortgeschritteneren Verfahren rezipiert und mit zeitlichen Verzögerungen dann in der Forschungspraxis angewandt. Zur Erweiterung der statistischen Kenntnisse der forschenden Soziologen selbst beigetragen haben vor allem entsprechende Weiterbildungsveranstaltungen von Zentralarchiv und ZUMA, die ZA-Information und ZUMA-Nachrichten, Arbeitstagungen der Methodensektion oder Deutschen Gesellschaft fk Soziologie sowie eine Reihe von zusammenfassenden Darstellungen und Lehrbüchern, beispielsweise zur Analyse von St.gleichungsmodellen (PfeiferISchmidt 1987), zur log-linearen Analyse (Andreß 1986) zur Analyse von Paneldaten (ArmingeriMüller 1990) oder zu komplexen Simulationsmodellen (Troitzsch 1990). Wenn es gegenwärtig auch unter den quantitativ orientierten empirischen Forschern eine große Varianz in der Nutzung fortgeschrittener Verfahren der statistischen Analyse gibt, so finden sich inzwischen viele Forschungsarbeiten, in denen inhaltliche Probleme auf einem statistisch wesentlich höheren Niveau als noch vor wenigen Jahren üblich, bearbeitet werden. Die Entwicklung regelmäßiger Datenerhebungen, der dabei eingesetzten Methoden und Techniken und der Verfahren der statistischen Analyse der Daten folgt wegen der weit fortgeschrittenen Spezialisierung zum Teil bereichsspezifischen und von der soziologischen Theoriebildung abgelösten Logiken. In der quantitativ orientierten Forschung verstärkt sich aber doch die Einsicht, daß ihre sinnvolle Verwendung in der Soziologie die Theoriebildung voraussetzt. Zwar ist hierzulande wie anderswo die Art der Verknüpfung von Theorie und Empirie kontrovers (Esser 1989). Sie erfolgt in unterschiedlichen Forschungsfeldern der Makro-

39 38 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 und Mikrosoziologie mit guten Gründen in unterschiedlichen Formen. Vielfach angeregt durch amerikanische Vorbilder finden sich seit dem letzten Jahrzehnt vermehrt auch in der deutschen Soziologie Versuche, durch die Formalisierung der Theorie und die Bildung theorieadäquater formaler Modelle der Datenanalyse Theorie und Empirie möglichst explizit und präzise miteinander zu verbinden (z.b. Opp 1978; Kappelhoff 1993). Am intensivsten ist in dieser Richtung wohl in verschiedenen Anwendungsgebieten der Netzwerkanalyse gearbeitet worden (Pappi 1987). Ein Forum des internationalen Austausches und der Bildung einer an formaler Modellbildung interessierten wissenschaftlichen community in Deutschland bildet die seit 1972 in regelmäßigen Abständen tagende informelle Arbeitsgruppe zur Anwendung mathematischer Modelle in den Sozialwissenschafien O/IASO). Ein Gebiet, in dem die beschriebenen Entwicklungen wohl am deutlichsten zum Ausdruck kommen und das deshalb beispielhaft etwas ausfuhrlicher dargestellt werden soll, ist die quantitative Lebensverlaufsforschung. Wahrscheinlich ist in keinem anderen Gebiet das soziologische Wissen über zentrale Charakteristiken der deutschen Gesellschafi durch methodisch innovative Forschung so kumulativ gewachsen wie durch die von Karl Ulrich Mayer geleiteten großen Lebensverlaufsstudien des Sonderforschungsbereichs 3 und des Berliner Max Planck Instituts fi Bildungsforschung. Der Erkenntnisgewinn reicht weit über den engeren Bereich der Beschreibung und Erklärung von Lebensverläufen hinaus. Wichtige Beiträge sind mit diesem Ansatz auch entstanden zur sozialen Stnikturierung und Entwicklung von Arbeitsmärkten, zur Dynamik von sozialer Ungleichheit und von Prozessen der Familienbildung und Familienlösung, zu Migrationsprozessen sowie zu Verbindungen und Brüchen zwischen verschiedenen institutionellen Bereichen der sozialen Ordnung und des Lebens (vgl. z.b. Mayer 1990; Mayer/AllmendingeriHuinink ). Neben den großen Investitionen in die systematische Erhebung gezielter Informationen über wichtige Ereignisse in verschiedenen Lebensbereichen und über ihre genaue Verortung im zeitlichen Verlauf des Lebens liegt ein Teil des Erfolges der quantitativen Lebensverlaufsforschung darin begründet, daß mit der Ereignisdatenanalyse auch ein der zeitbezogenen Struktur der Daten entsprechendes statistisches Instrumentarium aufgegriffen und weiterentwickelt werden konnte (DiekmannIMitter 1984; Blossfeld/Hamerle/Mayer 1986). Mit diesem Instrumentarium ist es möglich, unterschiedliche theoretische Vorstellungen über die kausalen Strukturen und das Einwirken unterschiedlicher Faktoren im Zeitverlauf präzise multivariat zu modellieren und zu prüfen. Für diese Verbindung von Theorie, Empirie und Analysemodellen gerade in der Analyse zeitbezogener Daten wurden in den zurückliegenden Jahren durch das Sozio-ökonomische Panel neue Möglichkeiten geschaffen und auch von vielen Forschern aufgegriffen. Weitere Beispiele hervorzuhebender Forschung in dieser Richtung sind zahlreiche Arbeiten in der Demographie, Untersuchungen zu Armutsverläufen in der Sozialpolitikforschung (Buhr u.a. 1990; HauserBerntsen 1992), zu Krankheitsverläufen in der Medizinsoziologie, zu Kriminalitätsverläufen in der Knminalsoziologie oder Studien über die Gründung

40 Hopj7Miiller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschund 39 und Entwicklung von Unternehmen und Kaniereverläufe in Unternehmen (Brüdernreisendörferlziegler 1993). Daß in diesem Bereich seit einigen Jahren ein innovativer Schwerpunkt in der deutschen empirischen Sozialforschung besteht, zeigt sich auch in interessanten Kontroversen (vgl. hierzu u.a. die Beiträge von Peter Blossfeld, Andreas Diekmann und Thomas Klein in DiekmannJWeick 1993) und in einer intensiven internationalen Kooperation. Beenden möchten wir diesen Abschnitt mit einigen Hinweisen auf die gesellschaftsvergleichende Forschung. Die deutsche empirische Sozialforschung ist keine Ausnahme zur Entwicklung in anderen Ländern darin, daß komparative Studien einen vergleichsweise geringen Anteil der Forschung ausmachen. Tm Zuge der weltpolitischen Veränderungen durch die Entwicklungen in Mittel- und Ost-Europa und die europäische Einigung (die auch die Ressourcen für die internationale Kooperation etwas verbessert) hat jedoch in den letzten Jahren das Interesse und die Beteiligung an komparativer Forschung zugenommen. Zwar war die Bundesrepublik in einigen der bedeutenden komparativen Projekte der Nachkriegszeit zum Teil in maßgeblicher Rolle vertreten, so beispielsweise in der Time-Budget-Studie (Scheuch 1972) oder in der Political Action- Studie (BarnesKaase 1979). Ein größeres Gewicht hat diese Forschung aber erst seit den achtziger Jahren gewonnen: durch den Aufbau und die Auswertung viele Länder umfassender Aggregatdatenbanken (Flora 1983), durch die Beteiligung an der regelmäßigen Sammlung komparativer Umfragedaten (beispielsweise durch das International Social Survey Program ISSP oder die Europawahlstudien) und die Beteiligung an der vergleichenden Aufbereitung umfangreicher amtlicher und nicht-amtlicher Mikrodatensätze (2.B.: Luxembourg Income Study LIS) sowie durch die Gründung größerer komparativ ausgerichteter Forschungsinstitute (z.b. das Mannheimer Zentrum fur europäische Sozialforschung, das Kölner Max-Planck-Institut fur Gesellschaftsforschung und das Wissenschaftszentrum Berlin fur Sozialforschung). Damit verbunden sind in den letzten Jahren unter Beteiligung von Forschern aus der Bundesrepublik komparative Untersuchungen in einer durchaus neuen Größenordnung entstanden. Größere Projekte und ein mehr als punktuelles Engagement in komparativer Forschung gibt es vor allem zu verschiedenen Aspekten der vergleichenden Wohlfahrtsstaats- und Sozialpolitikforschung, der Ungleichheits- Sozialstruktur- und Sozialindikatorenforschung, der Lebensverlaufs- Biographie-, Familien- und Netnverkforschung, der Organisations- und Verbändeforschung, in der Wahl- und Policyforschung sowie in Teilen der Industrie- und Wissenschaftssoziologie. An der Beteiligung an international vergleichenden Studien kann man wahrscheinlich auch ablesen, auf welche inhaltlichen Felder sich die empirische Forschung in den zurückliegenden Jahren konzentriert hat und damit ein Potential aufbauen konnte, das über die nationalen Grenzen hinaus die Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in anderen Ländern ermöglicht hat.

41 40 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November Trends der Entwicklung im Bereich qualitativer Forschung Zu Beginn der siebziger Jahre begann man, sich in der empirischen Sozialforschung wieder verstärkt mit qualitativen Verfahren der Forschung zu befassen – mit offenen oder teil-standardisierten Interviews, mit unterschiedlichen Varianten qualitativer Beobachtung und mit unterschiedlichen Verfahren der Analyse qualitativer Daten. Bei der Begründung fur das verstärkte Interesse an qualitativen Verfahren spielten vielfältige Argumente eine Rolle, die von sehr unterschiedlichen theoretischen und politischen Positionen her formuliert wurden. Für manche Autoren war die Verbindung zur Frankfurter Schule der Soziologie zentral, deren Kritik am Neopositivismus und Kritischen Rationalismus im Zusammenhang mit dem „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ (vgl. als Dokumentation Adorno u.a. 1969; vgl. auch Habermas 1967) ein breites Publikum erreicht hatte. Die methodologischen und politischen Aspekte dieser Kritik wurden aufgegriffen und unter dem Einfluß der Studenten-Bewegung der sechziger Jahre radikalisiert und verändert. Dies M e zu einer Konzeption „emanzipatorischer Sozialforschung“, in der radikale Kritik an Messung und Standardisierung in der Soziologie mit Gesellschaftskritik und anti-kapitalistischem Engagement verbunden waren (vgl. als relativ einflußreichen Text hierzu Berger 1974). Für andere Autoren waren politische Aspekte bei der Begründung qualitativ orientierter methodischer Ansätze eher unwichtig, sondern ihr Interesse galt primär den theoretischen und methodologischen Grundlagen sozialwissenscha~licher Forschung. Sie hoben die zentrale Rolle des Verstehensbegriffs fur die Geistes- und Sozialwissenschaften hervor und griffen damit die Traditionen der „verstehenden Soziologie“ wieder auf: Max Webers Handlungstheorie und seine Auffassung davon, was Erklärung in der Soziologie bedeutet; Alfied Schütz‘ (1932) Auseinandersetzung mit Webers Position und seine Konzeption des „comrnon-sense knowledge“ sozialer Realität, dessen Analyse als notwendiger Bestandteil soziologischer Handlungstheorien und -analysen angesehen wird (vgl. Schütz 1971); neuere Varianten phänomenologischer Positionen (Cicourel, Garfinkel) und schließlich auch die Traditionen des Symbolischen Interaktionismus (vgl. als einschlägigen und damals weit verbreiteten Text hierzu Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973). Trotz vieler Unterschiede in den theoretischen und politischen Orientierungen, die bei der Begründung qualitativer Verfahren in der Forschung eine Rolle spielten, gab es doch einige Argumente, bei denen man sich einig war. Zu diesen gehören: 1. Es wurde – basierend auf Aaron Cicourels „Method and measurement in sociology“ (1964) – die Möglichkeit exakter Messung in der soziologischen Forschung bezweifelt. Ein wichtiges Argument dabei: Da die Begriffe, die in standardisierten Fragebögen verwandt werden, fur die befragten Personen je nach sozialem und aktuellem Kontext sehr häufig unterschiedliche Bedeutung haben, sind die Reaktionen auf die standardisierten Antwortvorgaben mit Skepsis zu beurteilen. Formal identische Antworten können unterschiedliches bedeuten,

42 HopfMiiller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschund 41 und es kommt in der Sozialforschung darauf an, diese Bedeutungen zu eruieren und zu analysieren, in welcher Weise die untersuchten Personen die Begriffe, um die es geht, in der Alltagskommunikation verwenden (vgl. z.b. Berger 1974; Hoffmann-Riem 1980). 2. Man entdeckte in der Forschung den denkenden und interpretierenden Menschen, der sich aktiv, analysierend und „methodisch“ mit sozialer Realität auseinandersetzt und dessen Deutungskompetenz in der Sozialforschung ernst zu nehmen sei. Standardisierte Antwortvorgaben in Fragebögen unterfordern die Interviewpartner systematisch. Ihnen müssen in den Interviews statt dessen Spielräume für die Artikulation komplexerer Argumentationen und Empfindungen eingeräumt werden, und es muß in Interviews auch möglich sein, Widersprüche und Inkonsistenzen zum Ausdruck zu bringen (vgl. entsprechend z.b. Berger 1974; Hoffmann-Riem 1980). 3. Die Arbeiten Barney Glasers und Anselm Strauss‘ (1967) zu ihrer Konzeption der Theorie- und Begriffsentwicklung auf der Grundlage qualitativer Daten wurden auf relativ breiter Basis rezipiert (vgl. z.b. HopWeingarten 1979; Hoffmann-Riem 1980) und boten eine weitere Möglichkeit, die Relevanz qualitativer Forschung zu betonen. Die qualitative Forschung, die sich in der Bundesrepublik vor diesem Hintergrund entwickelte, befaßte sich inhaltlich mit sehr unterschiedlichen Gegenstandsbereichen – angefangen bei der Analyse von Alltagskommunikation oder bei der biographischen Forschung bis hin zur Analyse komplexer institutionalisierter Zusammenhänge und politischer Entscheidungsprozesse. Anders als in der amerikanischen Soziologie, in der das Verfahren der teilnehmenden Beobachtung im Sinne eines komplexen Ansatzes der Feldforschung in der qualitativen Forschung sehr verbreitet war, konnte sich die teilnehmende Beobachtung in der bundesrepublikanischen Soziologie nur in geringem Umfang durchsetzen. Der Mehrheit qualitativer Forschungsprojekte lagen und liegen auch heute noch offene oder teil-standardisierte Interviews zugrunde. Dies erklärt, daß qualitative Interviews in der methodologischen Diskussion der Bundesrepublik einen besonders hohen Stellenwert hatten. Man diskutierte Probleme offener Interviewkommunikation, eines zu stark direktiven oder zu oberflächlichen Fragestils u.a. (vgl. z.b. Hopf 1978; Hofiann-Riem 1980). Als besonders interessant und innovativ in diesem Zusammenhang kann die von Fritz Schütze entwickelte Technik des „narrativen Interviews“ (vgl. Schütze 1976, 1977) angesehen werden. Die Interviewpartner werden in solchen Interviews dazu aufgefordert, spontan Geschichten zu erzählen – zu ihrer Biographie, zu ihrer Rolle in bestimmten politischen Prozessen oder zu ihrem Berufsweg. Damit ist eine überzeugende Möglichkeit gegeben, Anschaulichkeit, Detailliertheit und sprachliche Differenziertheit im Interview mit einem Minimum an Gesprächslenkung und Interviewereingriffen zu erreichen. Die Projekte, in denen unterschiedliche Verfahren der qualitativen Beobachtung dominieren, sind zum Teil Projekte, bei denen Elemente der teilnehmenden Beobachtung integriert sind,

43 42 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 zum Teil Projekte, die in erster Linie auf Video- oder Tonbandmitschnitten natürlicher Interaktionen basieren. Zur ersten Gruppe von Forschungsprojekten gehören beispielsweise die Studien Lothar Krappmanns und Hans Oswalds zum Alltag von Schulkindern (vgl. u.a. Krappmann/Oswald 1983, 1985). In diesen Studien stehen neben Interviews mit den untersuchten Grundschulkindem sehr konzentrierte und detaillierte Beobachtungen im Klassenzimmer und freiere, auf Gedächtnisprotokollen basierende Beobachtungen in Schulpausen, Freizeitkontexten oder in einem Schullandheim. Die Arbeiten Krappmanns und Oswalds können plastisch belegen, welche Erkenntnischancen mit der qualitativen Beobachtung und Analyse kindlicher Interaktionen eröfhet werden. Es gibt unseres Wissens keine Studie in Deutschland, die die Bedeutung der Beziehungen zwischen Gleichaltrigen für die Persönlichkeitsentwicklung vergleichbar überzeugend und theoretisch plausibel herausarbeitet. Als ein Beispiel für Projekte, die auf Tonband- oder Videomitschnitten natürlicher Interaktionen und Gespräche basieren, sei hier Angela Keppler-Seels (1992) Arbeit zu „Tischgesprächen“ erwähnt, der vor allem Tonbandaufzeichnungen in Familien zugrunde liegen. Auch hier ist die Verbindung zwischen sorgfältiger Text-Interpretation und einfallsreichen theoretischen Deutungen bemerkenswert und kann wiederum die Möglichkeiten qualitativer Forschung verdeutlichen. Beispielsweise kann A. Keppler-See1 durch detaillierte Analyse von Gesprächen über Medienereignisse in Film und Fernsehen Prozesse der Distanzierung und der Brechung des Medien-Einflusses sichtbar machen, die in der quantitativen Wirkungsforschung so nicht zu analysieren sind (vgl. hierzu auch Keppler-Seel 1993). Wenn man versucht, in Kürze einige Veränderungen zu skizzieren, die sich im Bereich der qualitativen Forschung seit den siebziger Jahren ergeben haben, so sind vor allem folgende Änderungen und Verbesserungen im methodischen und inhaltlichen Niveau bemerkenswert: 1. Die Ansprüche an die Protokollierung qualitativer Daten haben sich generell erhöht. Im Rahmen der Feldforschung gibt es zwar nach wie vor das fur bestimmte Beobachtungen nicht zu ersetzende Gedächtnisprotokoll (vgl. hierzu u.a. Sprenger 1989; Reichertz 1989). Generell dominiert jedoch die durch Tonband-, Kassettenauhahmen und Videoaufzeichnungen unterstützte sehr ausfihliche und genaue Protokollierung von beobachteten Interaktionen, Gesprächen oder Interviews. Selbstverständlich gibt es dabei in Art und Genauigkeit der Transkription von Tonband- oder Video-Protokollen je nach Fragestellung und inhaltlichem Schwerpunkt erhebliche Unterschiede, wobei die im Rahmen der ethnomethodologischen Konversationsanalyse entwickelten Transkriptionsregeln (vgl. als Übersicht Atkinson und Heritage 1984, S. ix E) wohl als besonders anspruchsvoll und elaboriert gelten können. 2. Mit den durch den Einsatz von Technik erweiterten Chancen der Protokollierung und Analyse sozialwissenschaftlicher Daten erschließen sich neue Bereiche der Mikroanalyse sozialen Handelns und sozialer Interaktion. Die Konversationsanalyse ist ein Beispiel hierfur (vgl. als Überblick Bergmann 198 1, 1991).

44 Hop~YMÜller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschand Mit dem veränderten Niveau der Protokollierung qualitativer Daten gehen Änderungen in Niveau und Charakter der Überprüfung einzelner Deutungen und integrierender Interpretationen einher. Während die in Gedächtnisprotokollen enthaltenen beschreibenden und interpretierenden Aussagen sich im Prinzip der kritischen Überprüfung durch andere entziehen, können die auf der Basis von Tonband- oder Video-Protokollen und entsprechenden Transkriptionen erarbeiteten beschreibenden und interpretierenden Aussagen im Forschungsprozeß auf der Basis derselben Protokolle jederzeit Gegenstand von Kritik und Auseinandersetzung werden. Jede einzelne Deutung kann in einer größeren Forschungsgruppe von jedem Mitglied der Gruppe am Text überprüft, zur Diskussion gestellt und damit auch revidiert werden. 4. Mit der erhöhten Überprüfbarkeit von Interpretationen qualitativer Daten, können auch vielfaltigere Verfahren der Textanalyse erprobt werden. Zur Zeit konkurrieren innerhalb der qualitativen Forschung stärker inhaltsanalytische, an Quantifizierung orientierte Analyseverfahren (vgl. z.b. Mayring 1983), mit solchen Verfahren, in denen die Interpretation von Einzelszenen, einzelnen Gesprächssequenzen oder einzelnen Interview-Texten im Vordergrund steht. Dies gilt für verschiedene Ansätze innerhalb der konversationsanalytischen Forschung (vgl. z.b. Bergmann 1991); dies gilt jedoch auch für das von Ulrich Oevermann u.a. (1979) entwickelte Verfahren der „objektiven Hermeneutik“. Dieses ist allerdings in seiner theoretischen Begründung und in der vorgeschlagenen Analyse-Praxis so schwer verständlich, daß eine verständige Anwendung auch Kennern Mühe macht (vgl. kritisch zur „objektiven“ oder „strukturalen“ Hermeneutik auch Reichertz 199 1). 5. Die Entwicklungen im EDV-Bereich haben zu einer Prüfung und Erweiterung der Möglichkeiten einer computer-unterstützten Auswertung qualitativer Daten gef5hrt (vgl. hierzu u.a. Giegler 1992; Kuckartz 1992 oder Mohler 1992). Es besteht zwar keinerlei Anlaß anzunehmen, hierdurch könnten differenzierte und anspruchsvollere Tnterpretationsleistungen der Forschenden ersetzt werden. Computer können jedoch bei der Bewältigung kurzschrittiger Analysevorhaben – etwa bei der Analyse von Wortbedeutungen -, bei der Datenverwaltung und bei der Organisation des Datenzugriffs behilflich sein. 6. Im Vergleich zu den siebziger Jahren sind forschungsethische Gesichtspunkte und Ansprüche des Datenschutzes fester verankert. So werden beispielsweise bereits im Zusammenhang mit der Transkription von Interview- und Gesprächsprotokollen Ansprüche an Datenanonymisierung systematisch berücksichtigt, und die verdeckte Beobachtung – manchen auch unter dem Stichwort der „Wallraff-Methoden“ bekannt – ist aus forschungsethischen Überlegungen heraus zunehmend in Mißkredit geraten (vgl. hierzu u.a. Hopf 1991 oder Legewie 1991). Bedauerlich ist – dies sei abschließend vermerkt -, daß im Rahmen der Universitätsausbildung qualitative Verfahren nicht den Stellenwert haben, den sie wegen ihrer Bedeutung fur die Auseinandersetzung mit elementaren Fragestellungen in der Soziologie haben müßten. So ist

45 44 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 die Ausbildung in den Methoden der empirischen Sozialforschung an den meisten Universitäten sehr stark durch die Ausbildungsansprüche im Bereich der quantitativen Verfahren bestimmt. Kein Wunder, wenn Studierende und Absolventen der Soziologie vielfach Probleme mit der Umsetzung elementarster Anforderungen an qualitative Forschung haben: mit der Aufnahme von Feldkontakten, mit der Durchfühning teilstandardisierter Interviews, mit der Fähigkeit zu beobachten, Beobachhuigsprotokolle zu schreiben oder die Angemessenheit von Transkriptionen zu beurteilen. Für die Weiterentwicklung der qualitativen Sozialforschung liegt hierin ein ernstes Problem, ist sie doch immer wieder von neuem mit Autodidakten konfrontiert. Manche eher schlichte qualitative Projekte machen dies deutlich – sei es dadurch, daß hohles Theoriebildungspathos mit naiver Deskription verbunden werden, oder dadurch, daß die entsprechenden Forschungsberichte eher Dokumente der Vonirteilsproduktion als der Dateninterpretation sind. Es sollte jedoch vermieden werden, aus dem Vorhandensein solcher Projekte generelle und negative Schlüsse zu den Entwicklungschancen qualitativer Forschung zu ziehen. Es gibt, wie wir in diesem Abschnitt zu zeigen suchten, im Bereich der qualitativen Forschung sehr weitreichende Fortschritte, und zwar sowohl unter dem Gesichtspunkt der Methodenenhvicklung als auch unter dem Gesichtspunkt der Theorie-Entwicklung. Es sollte versucht werden, hieraus auch für die Methodenausbildung an den Universitäten Schlußfolgerungen zu ziehen. 5. Schlußüberlegungen Unser knapper Überblick über die Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland hat unseres Erachtens deutlich gemacht, daß die Entwicklungen im Bereich der quantitativen und qualitativen Sozialforschung sehr unterschiedlich sind. Unverkennbar ist, daß sich quantitative und qualitative Forschung in einem hohen Grad getrennt voneinander entwickelt haben. Sie setzten sich über einige Zeit in eher polemischer und zerrbildhafter als konstruktiver Weise auseinander und neigten dazu, den eigenen Garten zu pflegen und sich wechselseitig nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der Weg zu wechselseitiger Anerkennung der Stärken und Eingeständnis von Begrenzungen führt dabei wahrscheinlich weniger über die methodenprograrnmatische Diskussion als über überzeugende Erkenntnisgewinne, die durch die jeweiligen Verfahren erzielt werden. Wenn sich in den letzten Jahren eine Entspannung zwischen den Fronten vollzieht und sich Ansätze der Kooperation zeigen, ist dies vielleicht die Folge solcher Leistungen in beiden Bereichen. Die Erkenntnis, daß es weniger um die prinzipielle Richtigkeit dieses oder jenes Forschungsverständnisses geht, sondern um gemeinsame Grundprinzipien der Validität, Reliabilität und intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und um die für ein spezifisches Problem angemessenen Verfahren, zeigt sich beispielsweise in Publikationen, in denen vereint qualitative und quantitative methodische Zugänge zu einem Forschungsbereich und die mit ihnen erzielbaren Er-

46 Hopf/Mler: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschund 45 gebnisse dargestellt werden (als Beispiel siehe für die Biographie- und Lebensverlaufsforschung Voges 1987). Zunehmend finden sich auch Untersuchungen, in denen sowohl qualitative wie quantifizierende Verfahren eingesetzt und die jeweiligen Stärken beider methodischen Zugänge zur Klärung unterschiedlicher Teilaspekte eines Problems genutzt werden. Als Element seines Forschungsprograrnmes hat sich beispielsweise der Sonderforschungsbereich „Statuspassagen und Risikolagen“ der Universität Bremen die Verbindung von quantitativer und qualitativer Methodologie zum Ziel gesetzt und in mehreren Untersuchungen gewinnbringend umgesetzt (vgl. 2.B. EvansIHeinz 1991; Schumann 1993). Eine eigene Arbeitsgruppe widmet sich u.a. methodischen Grundlagenproblemen dieser Verbindung. Der Einsatz unterschiedlicher methodischer Verfahren liegt insbesondere bei Problemen der angewandten Forschung nahe. Bei ihnen steht weniger im Vordergrund, spezielle Theorien zu prüfen oder weiterzuentwickeln als vielmehr ein gesellschaftliches Problemfeld mit geeigneten vorhandenen theoretischen und methodischen Instrumentarien der Soziologie aufiuhellen. Ein adäquates Verständnis der unterschiedlichen Facetten eines sozialen Problems kann selten mit einem einzelnen Standardverfahren (2.B. die Befiagung einer Bevölkerungsgruppe) erzielt werden. Vielmehr erfordert dieses in der Regel einen Mix unterschiedlicher Realitätszugänge. Während es hierzu zahlreiche Beispiele aus der Frühphase der empirischen Sozialforschung gibt – für den deutschsprachigen Raum vgl. nach wie vor „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel (1933); oder die zahlreichen amerikanischen Gemeindestudien der zwanziger Jahre -, ist die Zahl solcher theoretisch wie methodisch breit angelegter problembezogener Forschungsvorhaben in den letzten Jahren auch in Deutschland eher klein. Die unveränderte Fruchtbarkeit der methodischen Triangulation belegen aber beispielsweise industriesoziologische Arbeiten des Münchener Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung oder neuere Studien zum Problem der Arbeitslosigkeit aus dem Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (vgl. 2.B. KronauerNogeVGerlach 1993), jüngst auch zur besonderen Problematik der Arbeitslosigkeit in den Neuen Bundesländern. In regionalen Fallstudien werden durch unterschiedliche Zugänge unterschiedliche Problemfacetten analysiert und ihre Verflechtung dargestellt: Durch historische Quellen und Wirtschaftsdaten die kontextuellen Bedingungen; durch teilnehmende Beobachtung und Expertengespräche das Einwirken der mit der Arbeitsmarktpolitik und der Arbeitslosigkeitsvenvaltung involvierten öffentlichen Instanzen; durch mehrere Varianten und Zeitpunkte der Befragung von Arbeitslosen die je nach Voraussetzungen unterschiedliche Wahrnehmung und subjektive Verarbeitung der Arbeitslosigkeit durch die davon Betroffenen. Die vielen Probleme, die sich durch die Wiedervereinigung für die praktische Sozialforschung stellen, könnten dazu beitragen, daß in der Forschung integrierende Ansätze verstärkt an Bedeutung gewinnen, die institutionelle und historische Analysen der Handlungsbedingungen mit je nach Problemstellung eher qualitativen oder quantitativen Untersuchungen des Handelns der Akteure verbinden.

47 46 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 So wünschenswert die Verbindung unterschiedlicher methodischer Ansätze und Verfahren in ein und derselben Untersuchung ist, so ist auch nicht zu verkennen, daß dieses nicht immer möglich und angemessen ist. Wenn die Übergänge zwischen qualitativen und quantitativen Ansätzen auch fließend sind, so wird man auf quantifizierendes Vorgehen nicht verzichten können, wenn es um die Generalisierung auf Populationen oder die präzise Bestimmung von Verteilungen geht. Bereiche wie beispielsweise die Sozialberichterstattung, die Sozialstmkturanalyse oder die Wahlforschung werden deshalb primär mit quantitativen Verfahren arbeiten. Es wäre weder sinnvoll noch praktikabel, Informationen beispielsweise über Trends in der Entwicklung der Sozialen Ungleichheit oder der Berufsstruktur mit qualitativen Verfahren erheben und analysieren zu wollen. Umgekehrt gibt es Fragestellungen im Bereiche der Mikrosoziologie oder der Organisationsforschung, für deren Beantwortung man auf qualitative Verfahren nicht verzichten kann und die mit quantifizierenden Verfahren schwer greifbar sind. Zu diesen gehören die Beobachtung und Analyse natürlicher Interaktion, die Analyse und Interpretation von Handlungsmotivationen und Deutungsmustern oder, wie Mayntz (1985) zeigt, einzelfallbezogene Analysen im Rahmen der Organisations- und Politikforschung. Anschrift der Autoren Prof. Dr. Christel Hopf Universität Hildesheim Marienburger Platz Hildesheim Prof. Dr. Walter Müller Universität Mannheim A Mannheim Anmerkungen *) Dieser Beitrag wurde entnommen aus Sociology in Germany“, Heft der Zeitschrift Soziologie – Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie“, (parallel als deutschsprachige Buchausgabe unter dem Titel,,Soziologie in Deuschland“), herausgegeben von Bernhard Schäfers. 1) Dabei wird versucht, in einem abgestimmten Gesamtdesign alle praktikablen Möglichkeiten zu einer inhaltlich und formal befiagtenfieundlichen Gestaltung des Erhebungsinstrumentes mit vielfältigen Maßnahmen zur Förderung der Teilnahmemotivation in einer Weise zu verknüpfen, daß fur die angesprochenen Zielpersonen die Teilnahme an der Behgung mit möglichst wenig Kosten, jedoch mit hohen intrinsischen, symbolischen und andern Belohnungen verbunden ist.

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50 HopjYMÜZler: Zur Entwicklung der empirischen SozialJorschung in der Bundesrepublik Deutschund 49 Hippler, H.-J./Seidel, K., 1985: Schriftliche Behgung bei allgemeinen Bevölkerungsstichproben – Untersuchungen zur Dillmanschen „Total Design Method. ZUMA-Nachrichten 16: Hoag, W. J./AIlerbeck, K. R., : Interviewer- und Situationseffekte in Umhgen: Eine log-lineare Analyse. Zeitschrift fur Soziologie 10: Hoffmann-Riem, C., 1980: Die Sozialforschung einer interpretativen Soziologie. Der Datengewinn. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 32: Hoflkeyer-Zlotnik, J. H. (Hrsg.), 1992: Analyse verbaler Daten. Über den Umgang mit qualitativen Daten. Opladen: Westdeutscher Verlag. Hopf, C., 1978: Die Pseudo-Exploration – Überlegungen zur Technik qualitativer Interviews in der Sozialforschung. Zeitschrift fur Soziologie 7: Hopf, C./Weingarten, E. (Hrsg.), 1979: Qualitative Sozialforschung. Stuttgart: Klett-Cotta. Hopf, C., 1991: Zwischen Betrug und Wahrhaftigkeit. Fragen der Forschungsethik in der Soziologie. S in: Soziologie. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft fur Soziologie. Hummel, H. J./Ziegler, R. (Hrsg.), 1976: Korrelation und Kausalität. Stuttgart: Enke. Institut fur Sozialforschung, 1936: Studien über Autorität und Familie. Paris: Libraire Felix Alcan. (Unveränderter Nachdruck: Junius-Drucke o. J.) Irle, M., 1982: Studies in Decision Making. Berlinmew York: De Gruyter. Jahoda, M./Lazarsfeld, P./Zeisel, H., 1975 (zuerst 1933): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziodemographischer Versuch. Kappelhoff, P., 1993: Soziale Tauschsysteme. Strukturelle und dynamische Erweiterungen des Marktrnodells. München: Oldenbourg. Kaase, M./Küchler, M. (Hrsg.), 1985: Herausforderungen der empirischen Sozialforschung. Beiträge aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Zentrums fur Umfragen, Methoden und Analysen. Mannheim: ZUMA. Keppler-Seel, A., 1992: Tischgespräche. Eine Untersuchung zu Formen kommunikativer Vergemeinschaftung am Beispiel der Kommunikation in Familien. Habilitationsschrift, Konstanz. Keppler-Seel, A., 1993: Unterhaltung über Kunst und Unterhaltung. S in: H. Meulemann/A. Elting-Camus (Hrsg.): 26. Deutscher Soziologentag Düsseldorf Tagungsband 11. Opladen: Westdeutscher Verlag. König, R. wsg.), 1974 (zuerst 1962): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Bde , umgearbeitete und erweiterte Aufl. vom „Handbuch der empirischen Sozialforschung“. Bd. I. Stuttgart: DTV-Enke. König, R. (Hrsg.), 1976 ff. (zuerst 1969): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Bde , völlig neubearbeitete Aufl. vom „Handbuch der empirischen Sozialforschung“. Bd. 11. Stuttgart: DTV-Enke. König, R. (Hrsg.), 1962 (zuerst 1952): Praktische Sozialforschung I. Das Interview. 3. Aufl., KölnBerlin: Kiepenheuer und Witsch.

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54 HopfMüller: Zur Entwicklung der empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschund 53 Tenbruck, F. H., 1979: Deutsche Soziologie im internationalen Kontext. Ihre Ideengeschichte und ihr Gesellschaftsbemg. S in: G. Lüschen (Hrsg.): Deutsche Soziologie seit Sonderheft 21 der Kölner Zeitschrift f5r Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag. Troitzsch, K. G., 1990: Modellbildung und Simulation in den Sozialwissenschaften. Opladen : Westdeutscher Verlag. Uwe F./E. V. Kardoffm. Keupp/L. V. RosenstieVS. Wolff (Hrsg.), 1991 : Handbuch Qualitative Sozialforschung. München: Psychologie Verlags Union. Voges, W. (Hrsg.), 1987: Methoden der Biographie- und Lebenslaufforschung. Opladen: Leske und Budrich. Wegener, B., 1988: Kritik des Prestiges. Opladen: Westdeutscher Verlag. Wiggershaus, R., 1986: Die Frankfurter Schule, Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung. MünchedWien: Carl Hanser. Zapf, W. (Hrsg.), 1977: Lebensbedingungen in der Bundesrepublik. Sozialer Wandel und Wohlfahrtsentwicklung. FrankMew York: Campus. Ziegler, R., 1972: Theorie und Modell. Der Beitrag der Formulierung zur soziologischen Theorienbildung. MünchedWien: Oldenbourg Verlag. Ziegler, R., 1984: Das Netz der Personen- und Kapitalverflechtungen deutscher und österreichischer Wirtschaftsunternehmen. Kölner Zeitschrift fur Soziologie und Sozialpsychologie 36: Ziill, C./Mohler, P. Ph. (Hrsg.), 1992: Textanalyse: Anwendungen der computerunterstützten Inhaltsanalyse. Opladen: Westdeutscher Verlag.

55 54 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Kurt Salentin er Beitrag erörtert Möglichkeiten der Nutzung kommerziell angebotener Direktmarke- D tingadressen in der sozialwissenschaftlichen Umfrageforschung. Das Programm vier überregional tätiger Unternehmen wird zu diesem Zweck untersucht. Besonderheiten der Grundgesarntheiten der Adreßbestände, die den Telefonteilnehrnerverzeichnissen entnommen sind, werden im Hinblick auf etwaige Einschränkungen der Repräsentativität für die Wohnbevölkening der Bundesrepublik erläutert. Da im Interesse eines effizienteren, zielgruppenspezifischen Marketing die Anbieter ihre Adreßdaten mit ergänzenden Informationen aus diversen Quellen zusammenführen, wird der Frage nachgegangen, ob Selektionen nach soziodemographischen Merkmalen auch bei Stichprobenziehungen fur Umfiagezwecke auf dieser Grundlage valide erzielt werden können. Eine Abhandlung der Kostenstruktur bei der Verwendung von Direktmarketingadressen und Entscheidungskriterien tur die Auswahl eines Anbieters beschließen den Beitrag. he article suggests the use of direct marketing address data in social science surveys. Data T bases of four major Gerrnan commercials firms offering addresses for lease are explored. Since such data are mainly drawn from telephone directories the paper discusses specific properties of the data Sets with a bearing on their appropriateness for population sampling. In all cases the mere addresses are merged with various complementary informations qualif$ng them for selective marketing purposes of commercial Users. Thus the question is raised whether based on these additional informations selective sarnpling according to relevant social and demographic categories may be validly implemented for survey purposes as well. The paper ends describing costs arising out of the use of direct marketing addresses and lists a few guidelines for the choice of a supplier. 1. Direktmarketingadressen für Umfragezwecke? Die empirische Sozialforschung steht häufig vor dem Problem, fur Umfragezwecke bevölkerungsrepräsentative Stichproben ziehen zu müssen. Wir wollen in diesem Beitrag die Nutzung kommerziell gehandelter Adressen als ein Verfahren ins Gespräch bringen. Adreßbestände privater Haushalte werden von einer Reihe spezialisierter Direktmarketingfirmen zu Werbezwecken angeboten. Nutzer sind zumeist Handelsorganisationen, die sich von der direkten Ansprache potentieller Neukunden Erfolg versprechen. Auch nichtkommerzielle Einrichtungen bedienen sich der Bestände. Hilfswerke, Natur- und Umweltschützer kon-

56 Salentin: Direktmarketingadressen für Umfragezwecke? 55 kurrieren seit geraumer Zeit unter Zuhilfenahme des Direktrnarketing-Verfahrens auf dem Spendenmarkt. Es bietet sich an, die Nutzung dieser Quelle auch fur die sozialwissenschaftliche Umfiageforschung zu prüfen. Die im folgenden geschilderten Erkenntnisse wurden im Rahmen der Vorbereitung einer Umfrage des DFG-Projekts»Versorgungsstrategien privater Haushalte im unteren Einkommensbereichc der Universität Bielefeld unter der Leitung von Prof. H.-J. Andreß gewonnen. Dazu wurden schriftliche Firmenunterlagen fünf überregional tätiger Unternehmen angefordert (von denen eines nicht reagierte) und weitergehende fernmündliche Auskünfte eingeholt. Die Unternehmen bleiben im Folgenden anonym, um nicht bei einer willkürlichen Auswahl von vier Anbietern über eine Namensnennung zu einer falschen Gewichtung oder Bewertung konkreter Firmen zu kommen. Die Auswahl der Anbieter ist weder erschöpfend, noch kann sie unbedingt Repräsentativität für die Branche beanspruchen. Dieser Beitrag ist auch nicht als MarktfUhrer gedacht. Er soll dem potentiellen Nutzer dieser Datenquelle vielmehr einen ersten Einblick in Möglichkeiten und Grenzen vermitteln und Anhaltspunkte zur selbständigen Einschätzung von Angeboten an die Hand geben. Auf der Seite 58 findet sich eine tabellarische Zusammenstellung der Leistungen der befragten Anbieter. 2. Zusammensetzung der Grundgesamtheit Die angebotenen Adreßbestände stammen durchweg aus den Telefonteilnehmerverzeichnissen. Die Gewinnung ist erstaunlich trivial: Entweder werden sie bei der Telekom erworben oder es werden schlicht die Telefonbücher über Scanner in maschinenlesbare Form Übertragen. Eine erste Einschränkung der Repräsentativität fur die Wohnbevölkerung ist auf diese Art vorgegeben, denn Stichproben aus derartigen Adreßbeständen beziehen sich auf die Grundgesarntheit der Telefonteilnehmer. Über Verzerrungen wird man zumeist nur spekulieren können, doch ist beispielsweise die Ausstattung mit Telefonanschlüssen in den ostdeutscher Bundesländern weitaus weniger dicht als im Westen. So beläuft sich der Anteil der über ein Telefon vefigenden deutschen Haushalte in den alten Bundesländern auf 94,9 Prozent (ausländische Haushalte hier 85,l Prozent), während die Quote sich in den neuen Bundesländem nur auf 32,7 Prozent beläuft‘). Im Bundesdurchschnitt liegt der Anteil bei 82,7 Prozent. Und auch in den untersten Einkommensgruppen muß eine etwas schlechtere Versorgung angenommen werden.*) Die zweite Einschränkung hängt mit dem Umstand zusammen, daß Eintragungen ins Telefonbuch seit der Liberalisierung der entsprechenden Bestimmungen im Jahr 1991 auf Freiwilligkeit beruhen und sich theoretisch Verzerrungen durch vermehrte Nichtaufnahrne bestimmter sozialer Gruppen einstellen können. Eine spontane Hypothese könnte ja lauten, daß sich gerade»die Reichen«und»die Prominenten«durch geheime Telefonanschlüsse der Öffentlichkeit entziehen. Zu dieser Frage liegen bislang keine Veröffentlichungen vor. Die Telekom teilt aber auf Anfi-age mit, daß zum einen die Quote nicht in die Fernsprechbücher aufgenommener Teilnehmer bei gewissen regionalen Schwankungen 1994 ins-

57 56 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 gesamt nur 4,2 Prozent beträgt und daß es m anderen ohne erkennbare Abhängigkeit vom Einkommen im wesentlichen Frauen aller Altersgruppen sind, die sich aufgrund sexueller Belästigungen am Telefon, der Nachstellungen geschiedener Ehemänner oder ähnlicher Gründe gegen eine Bekanntgabe ihrer Telefonnummer entscheiden. Die Quote besonders exponierter Personen, deren Ruhummer 2.B. aus Sicherheitsgründen nicht bekanntgegeben wird, liegt bei 0,019 Prozent. Solange bei den Teilnehmern keine stärkere Tendenz zur Geheimhaltung der Telefonverbindungen zu verzeichnen ist, spricht also das Argument der Freiwilligkeit des Eintrags nicht grundsätzlich gegen den Einsatz telefonbasierter Adreßdaten. Der Telefonteilnehrnerbestand wird in allen Unternehmen um diverse andere Quellen (Versandhauskunden etc.) ergänzt. Der Umfang der angebotenen Bestände reicht für die gesamte Bundesrepublik je nach Unternehmen von 24 Millionen bis 35 Millionen. Inwieweit es sich bei der Bezugseinheit»Adresse«um Telefonteilnehmer, d.h. in der Regel um Haushalte oder Haushaltsvorstände, oder um beliebige Einzelpersonen handelt und ob Telefonbestände mit Adressen anderer Herkunft zusammengeführt wurden, darüber werden in keinem Fall präzise Aussagen gemacht. Die Annahme ist jedoch berechtigt, daß die Bestände praktisch nur Haushaltsvorstände und kaum weitere Haushaltsangehörige enthalten. Männer sind gegenüber Frauen ( mal Haushuen) deutlich überrepräsentiert. Anbieter A führt beispielsweise einen Bestand 6 Millionen weiblicher gegenüber 15,8 Millionen männlicher Einträge. Zu dem generellen Einwand, daß die Vermischung von Privat- und Geschäftseinträgen in Telefonbüchern kaum zureichend rückgängig gemacht werden kann, liegt uns bisher keine Stellungnahme vor. 3. Selektionen Ein besonderes Potential gewinnen die Daten durch Zusammenftihrung mit vielfältigen soziodemographischen Informationen aus anderen Quellen, die eine Selektion von Adreßstichproben nach bestimmten Kriterien ermöglichen. Im folgenden soll näher auf das Zustandekommen der Selektionsmerkrnale eingegangen werden, um Anhaltspunkte tur ihre Zuverlässigkeit zu gewinnen. Interne Anreicherung. Ein Teil der Information über individuelle Adreßeinträge wird durch Analyse ihres Kontextes im Gesamtbestand gewonnen. So wird die Zahl der Telefonanschlüsse je Hausnummer ermittelt. Bei nur einem Anschluß liegt die Annahme nahe, daß es sich um ein Einfamilienhaus handelt und eine gehobene Kaufkraft der Bewohner vorliegt. Bei sehr großen Wohneinheiten, z.b. Hausnummern mit über 25 Telefonanschlüssen, werden entgegengesetzte Einkommensrückschlüsse gezogen. Anhand weiblicher Vornamen im Eintrag wird häufig auf einen Single-Haushalt geschlossen, während die Präsenz sowohl eines männlichen als auch eines weiblichen Vornamens als Kennzeichen eines jungen Paares mit aufgeschlossenem Lebensstil gewertet wird. Basierend auf der Grundannahme, daß in kleinräumlichen Einheiten Menschen mit ähnlichen Lebensverhältnissen leben, werden weitere

58 Salentin: Direktmarketingadressen Jur Umfragezwecke? 5 7 Merkmale ermittelt. So weisen viele Einträge mit akademischen Graden und Titeln auf hohen Bildungsgrad und hohes Einkommen in einem Stadtviertel hin. Externe Anreicherung. Mit externer Anreicherung soll hier allgemein die Zusammenfiihrmg der Telefondaten mit Informationen aus anderen Quellen bezeichnet werden. Sie vermag einen weitaus größeren Informationsmgewinn m leisten als die interne Anreicherung. Die Vomamenanalyse ist in diesem Sinn ein zur Altersbestimmung häufig herangezogenes Verfahren. Die Anbieter analysieren die Verteilung der Vornamen über Geburtsjahrgänge bei Personen, fur die beide Merkmale bekannt sind und ordnen bei unbekanntem Alter einer Person die Altersklasse zu, in der ihr Vorname arn häufigsten vorkommt. Wie alle anderen Verfahren ist auch dieses mehr oder weniger fehlerbehaftet, doch zeigen Häufigkeitsverteilungen für eine Reihe von Vornamen eine deutliche Korrelation mit dem Lebensalter. Der Name Boris tritt beispielsweise hauptsächlich in den Altersgruppen unter 30 Jahren auf, wahrend Bertha praktisch nur von über 50jährigen getragen wird. Anbieter A unterscheidet sieben weibliche und funf männliche Vornamens- bzw. Alterstypen und verspricht in seiner Broschüre:»Je nach Typ und weiterer Eingrenzung nach Ihrem speziellen Bedarf erreichen wir Trefferquoten zwischen 70 und 90 Prozent.«Das Unternehmen B formuliert den Sachverhalt wohl realistischer:»natürlich ist die Genauigkeit nicht 100 Prozent, aber die Wahrscheinlichkeitsquote ist doch hoch genug, um die Adressenqualität mit der Altersstrukturierung erheblich zu verbessern.«während dieses Verfahren durchgängig von fast allen Anbietem eingesetzt wird, unterscheiden sich die Firmen hinsichtlich weiterer zur Anreicherung des Informationspotentials genutzter Daten. Unser Interesse gilt Kriterien, die mit der Einkommenslage der Haushalte zusammenhängen. Da dies auch fur kommerzielle Anwender ein bedeutsamer Selektionsfaktor ist, verwenden die Anbieter hierauf besondere Aufmerksamkeit. Daten über den Krafifahrzeugbestand, insbesondere über Pkw-Dichte und Fahrzeugrnarken, -typen und Durchschnittsalter, dienen bei regionaler Aufgliederung als Kaufkrafiindikator. Auch Daten der amtlichen Bevölkerungsstatistik (Anteile der Selbständigen, Angestellten, Arbeiter, Rentner, Erwerbslosen, Ausländer; Anteile der Schulabschlüsse; Einkünfte pro Lohnsteuerpflichtigen und pro Einwohner etc.) werden ausgewertet. Auf der Ebene der Gebietskörperschaften werden zusätzlich statistische Daten zu Einzelhandelsumsatz, Kaufkraft etc. und Volkszählungsergebnisse eingearbeitet. Als ein Qualitätskriteriurn der Anbieter kann in diesem Zusammenhang die Kompetenz zur Durchflihmng der Zuordnung Werge-, Match-Verfahren) und Analyse gelten. Während sie zumeist hausintern abgewickelt werden, verwies der Ansprechpartner in Unternehmen A auf ein externes Analyseinstitut, das die Arbeiten im Auftrag durchführt; weder wollte er den Namen des Instituts preisgeben, noch war er selbst in der Lage, datentechnische Detailfi-agen zu beantworten.

59 58 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Übersicht: Leistungen der Direktmarketingfirmen im Vergleich (Auswahl) Firma Leistung A B C D Grundbestand Privatadressen besondere Selektionsmerkmale Mikrogeographische Datenanreicherung 25 Mio. 43 Mikro- Wohngebietstypen; 23 Makro- Wohngebietsty- Pen (1595 Mio. selektierbar); 7 weibl., 5 Vormmenstypen zur Altersselektion (22 Mio. selektierbar); 350 Berufe in 87 Berufsgruppen (selektierbar: 7,1 Mio.); Wohnhausgröße bzw. Anschlüsse je Hausnummer (23,3 Mio. selektierbar) nur interne Anreicherung 21,4 Mio. (durch Zusammenführung mit anderen Beständen bis zu 24 Mio.) 28,5 Mio. 12 Lebensstil-Typen (16,4 Mio. Selektierbar); 53 Wohn- M Vornamenselektion (27 Mio. Selektierbar); Ortsgrößen;. ~ i~l~~~-gebiete; quartiertypen; ~ ~ ~ ~ l ~ ~ f h ~ l ~ – nummern pro H ~ * ~ Einzelhan- ~ – nummer; delsumsatz. 87 Pro Einwoh- ~~~~f~~~~~~~~ (7,2 Mio. selektierbar) Rückgriff auf Bestand d. Arbeitsgem. Mediaanalyse, sonst keine Angaben Nielsen-Gebiete Nutzung extemermikrogeographischer Datenbank 26 Mio. (durch Zusammenführung mit anderen Beständen bis zu 35 ~io.‘)) Kaufkraft (5 Klassen); Gebäudecharakteristik (7 Gruppen); Gebäudealter (6 Klassen); Wohntyp (bzw. Wohnlage, 8 Typen); jeweils 35 Mio. selektierbar Regionaltypologie (ländliche vs. Ballungsgebiete etc.) – Kulturkreis (Nationalität) Gebäudetyp, Gartenart und – größe, Gebäudealter, Gestaltung, Bauweise und Zustand des Anwesens, Wohnlage, Ortslage und Straßentyp liegen auch als Einzelmerkmale von Privatadressen vor. eigene mikrogeographische Erhebung

60 Salentin: DirektmarketingadressenJur Umfiagezwecke? 59 Fortsetzung der Übersicht Firma Leistung A B C D Preis11000 Adressen b. Selektion n. Einkommen ~.ä.~‘ Mindestauftragswert 21 5,- bis 344,-; bei Bezug von Teilstichproben 301,- bis 482,- 146,- plus Selektionszuschlag auf Anfrage 202,- plus 60,- je Merkmal 290,- 800,- 550,- 250,- 450,- ungefährer Preis für 5000 Adressen 1075,- bis 24 10,- 730,- plus variabler Zuschlag für Selektion 13 10,- 1450,- incl. Selektionen, alle Lieferformen 1) Hierin sind auch Personen enthalten, die keinen Telefonanschluß besitzen, sondern z.b. als Mailorder-Kunden in den Gesamtbestand des Unternehmens gelangten. 2) Bei sehr großem Lieferumfang (z.b. über 1 Mio. Stück) reduzieren sich die Preise je 1000 Adressen 2.T. bis unter 100,- DM. Mikrogeographische Differenzierung. Bekanntlich herrscht innerhalb der geographischen bzw. politischen Einheiten, für die derartige allgemeinstatistische Angaben verfiigbar sind, eine beträchtliche Varianz soziodemographischer Merkmale. Als Beispiel seien die oben angeführten KFZ-Bestandsdaten genannt. Das KraRfahrt-Bundesamt macht sie bis hinunter zur Ebene der Kommunen zugänglich, wobei in großen Kommunen eine weitere Untergliederung möglich ist, und zwar bis hin zu den ehemals selbständigen Gemeinden der heutigen Verbandsgemeinden oder zu Ortsteilen größerer Städte. Dies gilt jedoch nur für die großen Automarken, während aus Datenschutzgründen Angaben über seltene Marken teilweise nur auf Regierungsbezirksebene veröffentlicht werden. Und auch innerhalb eines Stadtteils wird die durchschnittliche KFZ-Ausstattung nur eine eingeschränkte AussagekraR fur einzelne Haushalte besitzen. Andererseits ist aber in noch kleineren Einheiten mit mehr sozialstruktureller Homogenität zu rechnen. Aus diesem Grund streben die Anbieter eine mikrogeographische Disaggregation ihrer Selektionsgrundlagen bis zur Ebene von Straßen und Straßenabschnitten an. Da hierbei jedoch auf nicht öffentlich zugängliche Daten zurückgegriffen werden muß, können die Firmen die kleinsträumliche Differenzierung und Anreicherung nicht mit einheitlicher Güte leisten. Es ist daher für den Anwender ratsam zu prüfen, ob das anbietende Unternehmen eigene Erhebungen durchm, bewährte Datenbestände von dritter Seite nutzt oder nur behelfsweise die interne Anreicherung bis zur regionalen Mikroebene ausdehnt. Darauf werden wir im Detail eingehen. Alle Angebote umfassen einerseits eine Gliederung etwas größerer regionaler Gebilde, die unter verschiedenen Bezeichnungen angepriesen werden, jedoch stets auf eine Zahl von Ca auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik kommen und

61 60 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 hinter denen sich offensichtlich die Stimmbezirke der Bundestagswahlen verstecken. Andererseits existieren etwas feinere Gliederungen, die sich wohl als Straßenzüge bezeichnen lassen und deren Zahl sich wiederum fur die alten Bundesländer in der Größenordnung von 1 Million bewegt. Anbieter A unterscheidet zwischen Mikro- und Makro-Wohngebietstypen. Einheit der Mikro- Typen ist in der Regel eine Straße, bei langen Straßen auch deren Abschnitte. In sehr Meinen Orten werden mehrere Straßen zu einer Einheit msammengefaßt. Eine Überschneidung mit postalischen Einteilungen liegt nicht notwendigerweise vor. 43 Mikro-Typen werden ausgewiesen. Die Differenzierungskategorie entspricht etwa dem Bebauungsmuster bei gleichzeitiger Berücksichtigung der kommerziellen Nutzung. Die folgenden Mikro-Typen werden genannt: Zentren mit vorwiegend kommerzieller Nutzung, dicht bebaute innerstädtische Wohnlagen mit starker kommerzieller Nutzung, dicht bebaute innerstädtische Wohnlagen mit vergleichsweise schwacher kommerzieller Nutzung, städtische Hauptverkehrsstraßen mit dominanter Wohnnutzung, große Wohnanlagen, aufgelockerte Wohnlagen, kleinere Wohnanlagen, gute städtische Wohnlagen, ältere Mehrfamilienhäuser, Reihenhaus-Siedlungen in Vororten. Innerhalb der letzten sechs Typen dieser Klassifikation wird weiter differenziert nach einem Mischkriterium, in das folgende Merkmale eingehen: Groß-, Mittel-, Kleinstadt, Einkommensniveau in sechs Stufen, Haushaltsumfang, Bildungsniveau, Bevölkerungsalter. Alternativ dazu werden 23 Makro-Wohngebietstypen ausgewiesen, deren Bemgseinheit jeweils ein ganzer Ort oder bei großen Orten ein Ortsteil ist. Ihre Klassifikation beruht auf den gleichen Merkmalen wie die der Mikro-Typen. Es werden unterschieden: Ländliche Streusiedlungen, Dörfer in ländlicher Umgebung, Kleinstädische Wohngebiete, Vororte,

62 Salentin: Direktmarketingadressenfür Umfiagezwecke? 61 Traditionelle Arbeiterviertel, Städtische Wohngebiete, Wohnorte in industriellen Ballungsgebieten, Wohnorte in industriellen Ballungszentren, Wohngebiete in City-Randlage, Wohngebiete im City-Centrum. Es bleibt unklar, ob es sich bei Makro-Wohngebietstypen lediglich um eine Aggregation der Mikro-Wohngebietstypen handelt oder ob die beiden Klassifikationen auf unterschiedlichen Erhebungen beruhen und wie die zugrundeliegende Erhebungseinheit definiert wurde. Nach den vorliegenden mündlichen Informationen gewinnt diese Firma ihre mikrogeographischen Daten im wesentlichen durch interne Anreicherung der Telefon-Teilnehmerdaten. Der Bildungsgrad in einem Wohnviertel wird durch den Anteil von Einträgen mit akademischen Graden (Dr., Prof., Tng. etc.) geschätzt. Einkomrnenslagen werden indirekt aufgrund der Siedlungsform erschlossen. Dem Verfahren liegt die Erkenntnis zugrunde, daß Besserverdienende eher in Einfamilienhäusern leben, Schlechterverdienende dagegen in größeren Wohneinheiten (Mehrfamilienhäuser). Die Einkommensschätzung bedient sich daher zum ersten des Anteils von Einträgen in Adressen, fur die nur ein Anschluß existiert. Zum zweiten weist sie per Vornamenanalyse Wohngebiete mit hohem Ausländeranteil (speziell Anteil türkischer Bewohner) aus, da, so die Annahme, Ausländer eher in ärmeren Vierteln leben. Zum dritten berücksichtigt das Verfahren die Vornamen, um auf dem Umweg über das Lebensalter das Einkommen zu schätzen. Sehr junge Leute, die sich beispielsweise noch in einer Ausbildung befinden, und sehr alte Leute sollen dabei geringes und Personen in mittleren Alterslagen höheres Einkommen beziehen. Alle diese formalen Methoden wurden nach Angabe eines Firmensprechers durch Umfiagen ergänzt, die aber»die EDV-Analyseergebnisse nur bestätigt«hätten. Ein zweiter Anbieter (B) handelt ebenfalls mit einem mikrogeographisch aufbereiteten Bestand. Er ordnet Regionalzellen (Stirnmbezirke) der alten Bundesrepublik, in denen jeweils durchschnittlich 450 Haushalte oder 1000 Personen leben, eine sog. Marktsegmenteigenschafi zu. Aus 6 Ortsgrößenklassen gekreuzt mit 7 Lebensstiltypen bildet er 42 homogene Marktsegmente. In einer neuerdings verfiigbaren Weiterentwicklung dieser Struktur bilden nun 1 J3) Millionen Straßensätze mit je 70 Haushalten oder 150 Personen die kleinste Einheit. In ihnen soll eine Selektion nach Soziodemographie, Kauf- und Mediennutzungsverhalten, Haushaltsausstattung etc. möglich sein. Aus nun 7 Ortsgrößenklassen und 7 Wohngebietstypen (die Ausprägungen Upper Class, Konservative, gehobene Mitte, klassische Bürger, Kleinbürger, traditionelle Arbeiter und Randgruppen bezeichnen eher soziale Schichten) entstehen 49 neue Markt- bzw. Zielgruppensegmente. Leider liegen bei dieser Firma allerdings über die Herkunft der Basisdaten, v.a. der Lebensstil-, Konsum- und Wohngebiets-Informationen, kaum Angaben vor, so daß ihre Zuverlässigkeit schwer einzuschätzen ist. Medien-

63 62 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 nutzungspräferenzen werden einer Datenbasis der Arbeitsgemeinschaft Mediaanalyse entnommen. Der Anbieter bitt auch als Makler für Adreßlisten fi-emder Besitzer auf (Versandhäuser vermieten ihre Kundenadressen über Makler an andere Nutzer, falls keine kommerziellen Interessenüberschneidungen vorliegen.) Er ergänzt nun die Daten der amtlichen Statistik um Aufschlüsse aus diesen Listen. So wird etwa das Kaufverhalten von Versandkunden dahingehend untersucht, aus welchen Preisklassen die Kunden in einer regionalen Zelle vornehmlich kaufen. Die Aufschlüsse daraus werden dann als Kaufkraftindikator der Wohngegend zugeordnet. Anbieter C hat sowohl eine Selektion nach Lebensstil und Konsumverhalten als auch nach Wohnquartieren im Programm. Sie beruht auf zwei verschiedenen Datenbasen. Die Lebensstilselektion, die auf eine Grundgesamtheit von 16,4 Millionen Adressen eingeschrankt ist, geht auf eine empirische Studie eines Heidelberger Forschungsinstituts zurück. Es wird eine Zielgruppenauswahl nach 12 Lebensstil-Typen angeboten, die mit einem nicht näher beschriebenen Verfahren aus den Dimensionen Alter, Haushaltstyp/Familienstand, Bildung, Erwerbstätigkeit, Einkommen, Güter- und Medienkonsum gebildet werden. Primär beruht die Lebensstil-Klassifikation auf einer Differenzierung der Konsurnneigungen. Allerdings ist die Selektion nach diesem Merkmal mit einer gewissen Vorsicht m genießen, denn obwohl die zur Generiemg der Lebensstil-Informationen befragte Stichprobe lediglich Personen umfaßte, werden auf ihrer Grundlage die rund Wohnquartiere und in ihnen 16,4 Millionen Adressen (bnv. Personen) klassifiziert. Folglich kann im Mittel nur fiir eine Person in jedem sechsten Wohnquartier eine empirisch abgesicherte Angabe vorliegen. Die Zuverlässigkeit der Lebensstil-Selektion muß daher zwangsläufig weit hinter anderen Auswahlkriterien zurückbleiben. Zur wohnquariierbezogenen Selektion nutzt der Anbieter die mikrogeographische Datenbank eines Bad Godesberger Sozialforschungsinstituts, die aus einer erfolgten Begehung entstanden ist und laufend durch Interviewergebnisse des Instituts aus anderen Zusammenhängen aktualisiert wird. Hier wurde die Siedlungsfonn erhoben und Bevölkerungsalter, Einkommen und Haushaltsstruktur geschätzt. In einem Index werden 53 Wohnquartiertypen klassifiziert, die vom Anwender beispielsweise zur Selektion nach Kaufkraftkriterien herangezogen werden können. Die Typen sollen unabhägig von ihrer jeweiligen geographischen Lage eine ähnliche Struktur besitzen. Anbieter D hat anders als die anderen Unternehmen Ende der achtziger Jahre in der alten BRD eine aufwendige eigene Erhebung durchgeführt. Bei flächendeckenden Begehungen mit eigens für diesen Zweck geschultem Personal wurden 13 Millionen Gebäudebewertungen vorgenommen. Je Erhebungseinheit (Gebäude) wurden 9 Merkmale erfaßt, aus denen ein Gesamtscore errechnet wurde, der»eine nachweisliche Korrelation«mit dem Einkommen aufweist. Aus dieser Begehung gingen Daten hervor, die fur die Zuordnung zu 35 Millionen Pri-

64 Salentin: Direktmarketingadressen für Umfiagezwecke? 63 vatadressen verwertbar sind. Diese Firma ist daher die einzige, die Zielgruppen auf jeder geographischen Einheit bis hin zur einzelnen Hausnummer definieren kann. Selektionen sind möglich nach: Kaufkraft, Gebäudecharakteristik, Gebäudealter, Wohntyp (eigentlich Wohnlage unter Berücksichtigung der Gemeindegröße), jeweils stnikhuiert nach Geschlecht und Lebensalter. Soweit die Ausfiihtungen zur mikrogeographischen Gliederung der alten Bundesländer. Für die neuen Länder stehen zur Zeit keinem Anbieter vergleichbare kleinsträumliche Referenzinformationen zur Verfugung. Momentan werden von allen Unternehmen Bewertungsverfahren getestet. Für den Osten sollen Selektionen nach soziodemographischen Vorgaben fiiihestens in der zweiten Jahreshälfte 1994 möglich sein. Die fur eingeschränkte Adreßbestände außerdem mögliche Selektion nach dem Kaufverhalten von Versandhandelskunden dürfte fur viele Zwecke wegen unbekannter Eigenschaften und zu geringen Umfangs der Grundgesamtheit ausscheiden. Alle Unternehmen bieten darüber hinaus die Selektion nach postalischen Gebieten (Postleitzahlenbereiche, Telefonbücher, Vorwahlnurnmern), Gebietskörperschaften (Bundesländer, Regierungsbezirke, Kreise, Gemeinden) und Ortsgröße an. Üblich ist daneben auch die Auswahl nach Nielsen-Gebieten. (Nielsen ist ein großes Marktforschungsinstihit, dessen regionale Gliederung zum Branchenstandard geworden ist.) 4. Kosten Preise werden in Abhängigkeit vom Umfang der gewünschten Stichprobe gestaffelt und bewegen sich im Spektrum von 95,- bis 500,- Mark je tausend Adressen bei einmaliger Nutzung; einige Firmen verlangen einen Selektionsmschlag in Form einer Pauschale oder eines mehr oder weniger großen AufPreises je Selektionsmerkrnal. Beliebige Sonderauswahlen nach Wunsch des Kunden sind möglich, treiben jedoch wegen der notwendigen Programmierarbeiten die Kosten mitunter drastisch in die Höhe. Mindestauftragswerte sind üblich. Die genannten Summen schließen in der Regel wahlweise die Lieferung gedruckter Adreßetiketten (sog. Cheshire-Listen) oder maschinenlesbarer Datenträger (Disketten, Magnetbänder) ein. Ein direkter Vergleich mit den Kosten anderer Adreß-Datenquellen ist schwer möglich, da entweder die vom Nutzer aufgewendete Eigenarbeit kaum zu beziffern ist oder bei anderen Verfahren Mischkalkulationen fur Adressen inclusive Interviewfiihmng etc. aufgestellt werden. Melderegisterauszüge entsprechen, abgesehen von ihrer vergleichsweise geringen Selektionsfähigkeit, Direktmarketingadressen im Leistungsumfang zwar ungefähr, doch ein Preis-

65 64 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 vergleich muß wegen sehr weit gefaßter Bemessungsspielräume in kommunalen bzw. Landesgebührenordnungen notwendigerweise vage bleiben. So kann je nach Kommune und Auswahlverfahren der Preis je 1000 Adressen einer Meldeamtsstichprobe zwischen 160 und Mark liegen. Während aber solche Bestände dem Anwender üblichenveise für eine unbegrenzte Nutzung überlassen und damit quasi verkauft werden, ist im Direktmarketingsektor die Vermietung üblich. Der Kunde erhält das Recht auf eine genau definierte Verwendung der Adressen, und eine darüber hinausgehende Speicherung, Weitergabe oder Wiederverwendung wird vertraglich ausgeschlossen. Das Recht auf mehrmalige Nutzung lassen sich die Anbieter mitunter recht teuer bezahlen: Die Kosten des n-fachen Venvendungsrechts liegen nicht wesentlich unter dem n-fachen des Preises der einmaligen Verwendung. 5. Fazit Vor einer abschließenden Bemerkung ist nochmals zu betonen, daß die vorangehenden Ausführungen auf Aussagen der anbietenden Firmen basieren und die geschilderten Möglichkeiten bisher von uns noch keiner praktischen Prüfung unterzogen werden konnten. Die NU~LUI~ kommerziell gehandelter Adressen birgt nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand besonders aufgrund der Selektionsfähigkeit nach soziodemographischen Kriterien ein bisher von der Sozialforschung kaum wahrgenommenes Potential. Die Qualität der verfügbaren Daten ist von Anbieter zu Anbieter und von Merkmal zu Merkmal heterogen. Ungeschichtete Adreßziehungen auf Telefonteilnehrnerbasis versprechen für die alten, nicht aber für die neuen Bundesländer die Eigenschaft einer guten Zufallsstichprobe der Wohnbevölkerung. Noch unterschiedlicher ist das Bild, wenn nach bestimmten Kriterien ausgewählt werden soll. Während vor allem wohnumgebungsbasierte Informationen auf einer glaubwürdigen Grundlage angeboten werden, ist etwa bei der Selektion nach Alter und Lebensstil mit hohen Streueffekten zu rechnen. An dieser Stelle möchten wir noch Entscheidungskriterien für die Auswahl eines Angebots vorschlagen. Ihre Bedeutung steigt mit dem Wert, den eine wissenschaftliche Anwendung auf die Selektion ihrer Untersuchungspopulation nach soziodemographischen Merkmalen legt. Die Grenzen der internen Datenanreicherung liegen auf der Hand; die externe Anreicherung erlangt daher zentrale Bedeutung. Der potentielle Adreßlieferant sollte in der Lage sein, ein möglichst breites Spektrum externer Datenquellen mit seinem Grundadreßbestand zusammenzufiihren. Mikrogeographische Informationen sind wegen des geringen Umfangs und der umeichenden regionalen Differenzierung der öffentlich zugänglichen allgemeinstatistischen Daten die zuverlässigste Selektionsgrundlage. Der Anbieter sollte nachweisen, daß er über aktuelle und vor Ort gewonnene flächendeckende Mikrodaten verfugt. Ferner muß er mit der fachlichen Kompetenz zu hausinternen Analysen und Selektionen ausgestattet sein, um der jeweiligen Aufgabenstellung des Anwenders angemessen Rechnung tragen zu können. Die Unterschiede zwischen den vier hier erörterten Angeboten sind in dieser Hinsicht beträchtlich.

66 Salentin: Direktmarketingadressen für Umfiagezwecke? 65 Die Informationspolitik der anbietenden Häuser ist ganz auf kommerzielle Anbieter ausgerichtet und läßt – verständlicherweise – für potentielle sozialwissenschaftliche Nutzer vieles zu wünschen übrig. Während es vollends an transparenten Dokumentationen der Datenbasis fehlt, sind die meisten Unternehmen jedoch in Detailfi-agen recht auskunftswillig, und wir empfehlen gezielte Nachfkagen. Insgesamt meinen wir, daß Direktmarketingadressen fur manche Anwendungen im Bereich der Umfiageforschung in Erwägung gezogen werden können. Nach Auskunft der Firmen geschieht dies bereits – durch Sozialforscher, die anonym bleiben wollen. Wir rufen die Kollegen auf, uns ihre Erfahrungen mit Direktmarketingadressen mitzuteilen. Anmerkungen 1) Quelle: Sozio-ökonomisches Panel, Welle I, 1992, eigene Berechnungen. (Der Autor dankt Herrn Gero Lipsmeier fur die Erstellung einer gewichteten Auszählung.) Der Datenreport 1992 des Statistischen Bundesamtes gibt fur die fi-ühere Bundesrepublik im Jahr 1988 einen geringfiigig kleineren Wert (93,2 Prozent) an. 2) Ein Vergleich ausgewählter Haushaltstypen zeigt jedoch nur eine verhältnismäßig kleine Schwankung auf hohem Niveau. Vgl. Statist. Bundesamt: Datenreport 1992, S ) Abweichend von dieser Zahl wird in Firmenunterlagen auch die Zahl von 1,5 Millionen genannt. Anschrift des Autors Kurt Salentin Universität Bielefeld Fakultät fur Soziologie Postfach Bielefeld

67 66 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November Ein neues Produkt der Abteilung Soziale Indikatoren – uf der Basis ihres Systems Sozialer Indikatoren für die Bundesrepublik Deutschland hat die Abteilung Soziale Indikatoren in Zusammenarbeit mit dem Dip1.-Des. David Skopec von der Hochschule der Künste in Berlin das Digitale Informationssystem Soziale Indikatoren – DISI entwickelt. Es handelt sich dabei um ein Informationssystem für den PC, das sowohl in einer Windows- als auch in einer Macintosh-Version angeboten wird und sich vor allem durch eine einheitliche, übersichtliche und flexible Form der Datenvisualisierung auszeichnet. Das Digitale Informationssystem Soziale Indikatoren umfaßt Informationen über den sozialen Wandel und die Wohlfahrtsenhvicklung in derzeit zwölf Lebensbereichen. Die rund 260 Indikatoren und nahezu 900 Zeitreihen, die das Informationssystem gegenwärtig umfaßt, geben Auskunft über die Veränderung der objektiven Lebensbedingungen, die subjektive Lebensqualität und den Wandel der Sozialstniktur in der Bundesrepublik Deutschland- vorerst allerdings noch beschkt auf den Bereich der alten Bundesländer, da entsprechende Zeitreiheninformationen fur einen Großteil der Indikatoren fur die neuen Bundesländer noch nicht oder nur sehr rudimentär vorliegen. Der Beobachtungszeitraum erstreckt sich vom Beginn der fünfziger bis zum Beginn der neunziger Jahre. Mit der Disaggregation der Zeitreihen nach verschiedenen Merkmalen bietet DISI auch Informationen über die soziale Lage einzelner Bevölkerungsgruppen sowie die Ungleichheit der Lebensverhältnisse insgesamt. Mit DISI können die umfangreichen Informationen, die das Indikatorensystem enthält, über verschiedene Wege erschlossen werden. Die Auswahl nach Lebensbereichen, Wohlfahrtsdimensionen und einzelnen Indikatoren, Stichwortregister, Sortierfunktionen und individuell gestaltbare Kombinationsmöglichkeiten eröfken dem Benutzer vielseitige Zugänge ni dieser Datenbasis. Neben der visuellen Darstellung der Zeitreiheninformation und dem Vergleich der Zeitreihen untereinander, kann auch auf die numerischen Daten zurückgegriffen werden. Alle Zeitreihen enthalten Definitions- und Quellenangaben und können bei Bedarf als Datei ausgegeben und in andere Anwendungen übernommen werden. Ein kontinuierliches Updating dieses Informationssystems ist vorgesehen. DISI ist voraussichtlich Anfang des Jahres 1995 erhältlich und wird über ZUMA vertrieben. Weitere Informationen: ZUMA, Abteilung Soziale Indikatoren, Postfach , Mannheim.

68 Mitteilungen 67 GESIS IM INTERNET eit November 1994 stellt die GESIS mit ihren drei Partnerinstituten IZ, ZA und ZUMA S über einen Internet-Gopher (Adresse: gopher.socia1-science-gesis.de) umfangreiche Fachinformationen zur Verfugung. Mit Hilfe dieses neuen Dienstes ist es möglich, auf eine Vielzahl der in den GESIS-Instituten vorhandenen Informationen direkt zuzugreifen und diese somit in Forschung und Lehre effektiver als bisher zu nutzen. Voraussetzung fur den Zugriff auf dieses Informationsangebot ist der Zugang zum Internet. Was ist das Internet? Beim Internet handelt es sich um ein weltweites Kommunikationsnetz, das durch die Verbindung verschiedener Computemetze (vorzugsweise aus dem Wissenschafisbetrieb) geschaffen wurde. Prinzipiell kann dabei jeder an das Internet angeschlossene Rechner jeden anderen Rechner im Internet erreichen. Die zunehmende Bedeutung dieses Netzwerkes spiegelt sich in seiner rasanten Entwicklung während der letzten Jahre wider: Waren im Jahr 1990 etwa Computer in das lnternet eingebunden, hat sich bis Mitte 1993 ihre Zahl mit fast 1,8 Millionen Rechnern vervielfacht (Maier/Wildberger 1994: 8). Parallel hierzu erweiterten bzw. erweitern sich die im Internet weltweit zugänglichen Daten- und Informationsangebote fast täglich (vgl. Oßwald 1993: 497). Neben dem weithin bekannten Electronic Mai1 ( ) seien hier exemplarisch die zwischenzeitlich in einer großen Anzahl zur Vefigung stehenden Auskunftssysteme von Universitäten und Forschungseinrichtungen erwähnt und insbesondere die sich ständig erweiternden Möglichkeiten, in Bibliothekskatalogen und Literaturdatenbanken zu recherchieren. Die Nutzung dieser durch das Internet zur VerfUgung stehenden Kommunikationsinf?astruktur mit ihren verschiedenen Informationsmöglichkeiten bietet den in der Forschungspraxis Tätigen entscheidende Vorteile: Auf thematisch sich ergänzende Informationen, die in der Vergangenheit weltweit über die unterschiedlichsten Quellen verstreut und (wenn überhaupt) nur schwer zugänglich waren, wird künftig ein vereinfachter und schnellerer Zugriff möglich sein. Der Sozialwissenschaftler kann schon jetzt in Bibliotheksbeständen recherchieren, gleichzeitig über die Auskunftssysteme von Forschungsinstitutionen einen Überblick über laufende Forschungsaktivitäten in seinem Arbeitsbereich erhalten und somit durch Nutzung dieser fachbezogenen Informationsquellen seine Arbeit effektivieren.

69 68 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November 1994 Des GESIS-Gspher Abbildung 1 Als ein Baustein in diesem elektronischen Wissenschaftsnetz ist der GESIS-Gopher zu betrachten. Über ihn stehen dem Benutzer wesentliche Dienstleistungen der drei GESIS Institute unmittelbar zur Verfügung. Gleichzeitig eröffnet er den Zugang zu weiteren sozialwissenschaftlich relevanten Informationsangeboten in dem weltweiten Netnverk. Möglich ist es durch einen speziellen Dienst im Intemet, der an der Universität von Minnesota entwickelt und unter der Bezeichnung Gopher bekannt wurde. Der Gopher vereinfacht die Informationsbe- I schafkng im Intemet mit Hilfe ‚ einer einheitlichen und auch ftir den Computerlaien leicht verständlichen Oberfläche. Die leichte Bedienbarkeit des Gophers läßt sich an folgendem Beispiel verdeutlichen: Unter der Voraussetzung, daß der Nutzer über einen Intemet-Anschluß verfugt und die notwendige Software installiert ist (näheres hierzu weiter unten), erscheint nach Eingabe der oben genannten Adresse eine Eröffnungsseite, die vergleichbar mit dem Inhaltsverzeichnis eines Buches ist. Nach einer allgemeinen Begrüßung lautet die erste inhaltliche Zeile „GESIS: Beschreibung, Adressen, Kontakte“, die zweite „Die GESIS Institute“ usw. (vgl. Abb. 1). Steuert der Nutzer 2.B. per Mausklick die dritte Zeile „Dienstleistungen der GESIS“ an, dann öfiet sich eine neue Seite, auf der die verschiedenen Dienstleistungen aufgelistet sind (vgl. Abb. 2). Angenommen, der Nutzer ist an Informationen zur „Gesellschafilichen Dauerbeobachtung“ interessiert, dann genügt ein weiterer Mausklick, um zu einer Übersicht der von den GESIS-Instituten betreuten Umhgen zu gelangen. Von hier aus ist es dann nur ein kleiner Schritt, um 2.B. Informationen über die aktuelle Allgemeine Bevölkerungsumfi-age der Sozialwissenschaften (ALLBUS) zu erhalten. An diesem Beispiel wird deutlich, daß die im GESIS-Gopher enthaltenen Informationen auf verschiedenen Hierarchieebenen nach Themen gruppiert sind. Diese stellen jeweils eigene Menüpunkte dar, die der Anwender auswählen kann. Hat erlsie auf diesem Weg eine relevante Informationseinheit gefunden (in der Regel

70 Mitteilungen 69 Abbildung 2 handelt es sich um Textdateien, im Prinzip können es aber auch Bildund Toninformationen sein), dann kann diese entweder am Bildschirm betrachtet oder als Datei auf der eigenen Festplatte gesichert werden. Zusätzlich bietet der GESIS-Gopher einen direkten Zugang zu verschiedenen in- und ausländischen Bibliotheken und Datenbankanbietern, in deren Beständen sich dem Nutzer vielfältige Recherchemöglichkeiten eröffnen. Auch bestehen direkte Verbindungen zu anderen sozialwissenschaftlich bedeutsamen Gophern innerhalb des Internet, so daß es ohals möglich ist, aktuelle Informationen zu laufenden Forschungsarbeiten einzusehen oder direkte Kontakte zu knüpfen. Navigation im Informationsdschungel Um die ständig zunehmende Informationsvielfalt innerhalb des Internet zu bewältigen, werden ferner verschiedene Suchtechniken angeboten. Ist der Nutzer z.b. an Informationen über den General Social Survey (GSS) interessiert, so genügt einfach der Eintrag „GSS“ in das Suchsystem, um die Adressen der diesbezüglich relevanten Gopher zu erfahren. Diese Adressen lassen sich dann direkt aufnifen, so daß dem Nutzer innerhalb kürzester Zeit die gewünschten Informationen zur Verfügung stehen. Nicht verschwiegen werden sollte jedoch an dieser Stelle, daß die Qualität der gegenwärtig im Internet angebotenen, sozialwissenschaftlich relevanten Dienste sehr unterschiedlich ist: Zwar wird man nach Eingabe eines bestimmten Suchbegriffes oft sehr schnell „fundig“, d.h. dem Nutzer werden eine Vielzahl von Dateien angeboten, die auf den ersten Blick interessante Inhalte versprechen. Bei näherer Betrachtung dieser Dateien stellt man jedoch häufig fest, daß die Inhalte wenig relevante Informationen enthalten, weil sie z.b. veraltet sind oder grundsätzlich von hgwürdiger Wissenschaftlichkeit sind. Dem selbständigen Anbieten von Informatio-

71 70 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November 1994 nen im Internet ist mittlerweile mit solchen Instrumenten wie Gopher praktisch keine Grenze mehr gesetzt, so daß die Unübersichtlichkeit des Informationsdschungels“ zusehends zunimmt. Die Hauptursache für die von manchen als frusirierend empfundene Situation ist die vielfach noch fehlende formale Qualitätskontrolle der angebotenen Informationen. Diesbezüglich dürften sich jedoch in Kürze entscheidende Verbesserungen ergeben, da gegenwärtig weltweit viele wissenschaftliche Institutionen – ähnlich wie die GESIS in Deutschland – dazu übergehen, die über das Internet zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu sichten und fachspezifisch zu sortierena. Langfristig wird die Informationsflut jedoch nur kooperativ zu bändigen sein. Der Nutzer solcher Systeme wie dem GESIS-Gopher ist also aufgefordert, den jeweiligen Administratoren ständig Hinweise und Verbesserungsvorschläge zu machen. Ein wesentlicher Aspekt der schönen neuen Informationswelt ist 2.B. auch die Möglichkeit, weltweit verteilt Informationen anzubieten und zu verbreiten. Dies wird der GESIS-Gopher explizit fordern, in dem hier beispielsweise Verbindungen hergestellt werden zu den jeweiligen Informationssystemen an deutschen Universitäten. Ein Informationsangebot, das sich z.b. hier in gemeinschaftlicher Zuarbeit herauskristallisieren soll, ist der aktuelle Überblick über die Lehrveranstaltungen der bundesdeutschen Soziologiestandorte. In vielen Fällen existiert ein Instituts- oder Universitätsgopher, in dem man schon jetzt Hinweise auf die Lehrveranstaltungen des laufenden Semesters erhalten kann. Diese oder ähnliche Informationsbestandteile im Netz zusammenzutragen, die entsprechende Netzverbindung zu knüpfen, ist u.a. Aufgabe des GESIS-Gophers. Mit Hilfe der scientific community kann dieses Informationssystem so im Laufe der Zeit zur zentralen und fachlich betreuten Anlaufstelle fur die Suche nach sozialwissenschafilichen Informationen im Netz werden. Voraussetzungen für den Zugang zum GESIS-Gopher Mittlerweile verfügen nahezu alle deutschen Universitäten und die meisten Forschungsinstitute über einen Anschluß an das Internet. Allerdings ist die interne Vernetzung häufig noch nicht so weit fortgeschritten, daß den Mitarbeitern arn Arbeitsplatz ein direkter Zugang zu den Internetdiensten möglich ist. Auf der Hardwareseite stellt die 2.T. mangelhafte interne Vernetning im Augenblick noch die größte Hürde dar. In diesem Punkt bleibt zu hoffen, daß an den hiervon betroffenen Universitäten bzw. Instituten im Interesse der Mitarbeiter kurzfiistig Abhilfe geschaffen wird. Auch für Nicht-Universitätsangehörige mit institutioneller Internetanbindung ergeben sich mittlerweile vielfältige Möglichkeiten, via Modem Zugang zu den weltweiten Computernetzen zu bekommen. Im Hinblick auf die benötigte Software ist zu sagen, daß die meisten Programme gratis zur VerfUgung stehen, einige nach dem Shareware- Prinzip gegen ein geringes Entgelt. Eine Übersicht über die gegenwärtig verfügbare Software und deren Bezugsmöglichkeiten findet sich bei Maier~Wildberger (1994). Eine Sammlung der für die Internetanbindung notwendigen Programme wird die GESIS auf einem ihrer Server in

72 Mitteilungen 71 Zukunft bereitstellen. Für diejenigen, die schon jetzt vom eigenen PC arn Arbeitsplatz auf das Internet zugreifen können, genügt zur Herstellung einer Verbindung zum GESIS-Gopher die Eingabe der Host-Adresse „gopher.social-science-gesis.den. Ausblick Bei einem Blick in die nahe ZukunR lassen sich folgende Entwicklungen erkennen. Zum einen dürfte sich das im Internet zur Verfugung gestellte Angebot an Informationen – insbesondere an sozialwissenscharlich relevanten – deutlich erhöhen. Gleichzeitig dürre der Einsatz neuer, ausgesprochen benutzerfreundlicher Werkzeuge, wie z.b. der speziellen Komrnunikationssoftware Mosaic zu einer weiter steigenden Nutzung dieser Informationsquellen beitragen. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang auch das „World Wide Web“ (WWW) als ein Dienst, der die verschiedensten im Internet verteilten Informationsquellen unter einer einheitlichen, grafisch ansprechenden Oberfläche als weltweiten Hypertextb‘ zusammenfaßt (zu den neueren Entwicklungen vgl. u.a. Kr und Maierwildberger 1994). Deshalb plant die GESIS neben dem Ausbau und der permanenten Aktualisierung ihrer über den Gopher angebotenen Informationen und Dienstleistungen den Aufbau eines eigenen WWW-Servers. Von entscheidender Bedeutung für die Akzeptanz der Internet-Angebote dürften jedoch auch grundlegende Verbesserungen technischer Art sein. Schon heute stößt der Nutzer zu bestirnmten Tageszeiten leicht an die Kapazitätsgrenzen des Netzes (verbunden mit z.t. unerträglich langen Wartezeiten z.b. nachmittags, wenn ganz Amerika,,online“ ist). Ob und inwieweit durch den Einsatz neuer und leistungsfähigerer Übertragungsmöglichkeiten tatsächlich Verbesserungen eintreten, bleibt abqarten. Literatur Krol, E., 1993: The Whole Intemet. Sebastopol, Ca.: OYReilly & Associates, Inc. Maier, G./Wildberger, A., 1994: In 8 Sekunden um die Welt. Bonn, Paris: Addison-Wesley. Koch, T./Oßwald, A., 1993: Medienwechsel. Gedrucktes zur Orientierung in der elektronischen Vielfalt. Nachrichten für Dokumentation 44: Oßwald, A., 1993: Elektronische Bibliotheksdienste – lokal und weltweit. Bibliotheksdienst 4:

73 72 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November 1994 Termine und Preise n gemeinsamer Verantwortung von ZUMA und GFM-GETAS (Hamburg) wird dreimal I jährlich der Sozialwissenschaften-Bus durchgeführt. Diese 1985 als sozialwissenschaftliche Mehrthemenumfiage eingerichtete Umfrage bietet die Möglichkeit, kleinere Forschungsvorhaben mit begrenztem Themenkatalog (bis hin zur Einschaltung von Einzelfragen) mit hohem methodischem Anspruch hinsichtlich der Stichproben- und Datenqualität zu realisieren. Der in der Tradition des ZUMA-BUS stehende Sozialwissenschaften-Bus hat folgende Besonderheiten gegenüber den herkömmlichen Mehrthemenumfi-agen der Umfrageinstitute: Durch die Beschränkung auf sozialwissenschaftliche Fragestellungen wird eine zu große Fragenheterogenität vermieden. Als Statistik wird das „Grundmodul“ der ZUMA-Standarddemographie erhoben. Dadurch ist eine den höheren Anforderungen der Sozialwissenschaften angemessene Auswertung möglich. Durch wahlweise Erweiterung der Standarddemographie um Spezialmodule kann der Forscher die ZUMA-Standarddemographie um von ihm zusätzlich benötigte Demographieteile erweitern. Durch eine Rekodierung auf die Deutschen Demographischen Standards, zu denen die ZUMA-Standarddemographie kompatibel ist, ist der nationale Vergleich zu vielen Datensätzen der Sozial- und Marktforschung sowie zur amtlichen Statistik gegeben. Anders als bei den üblichen Buseinschaltungen findet vor Beginn des Hauptfeldes ein Pretest statt. Es werden jeweils 20 Interviews in West und Ost durchgeführt. Für die Durchfiihmng der Feldarbeit gelten dieselben Erhebungsmodalitäten wie für methodisch anspruchsvolle sozialwissenschaftliche Exklusiv-Erhebungen. Durch Feldkontrollen und Datenbereinigung in einem bei Mehrthemenumfragen nicht branchenüblichen Ausmaß wird eine außergewöhnlich hohe Datenqualität gewährleistet. Der Forscher erhält auf Wunsch eine SPSS-Datei.

74 Mitteilungen 73 Der SOZIALWISSENSCHAFTEN-BUS im Überblick Grundgesamtheit: In Privathaushalten lebende wahlberechtigte Bevölkerung. Stichprobengröße (Standard): Zeitgleich in West und Ost durchgeflkte Repräsentativ- Erhebungen mit Fällen West und Fällen Ost. Möglichkeit der Aufstockung in Ost auf Fälle. Stichprobe/Auswahlverfahren: Je Interviews. Einsatz eines ADM-Stichprobennetzes mit jeweils 2 10 Sample-Points. Auswahl der Zielhaushalte nach streng geregeltem Random-Route, Auswahl der Zielperson im Haushalt durch Schwedenschlüssel-Verfahren. Erhebungsmethode: Mündliche Interviews; der Haupterhebung wird ein Pretest vorangestellt. Feldarbeit: Pro Untersuchungsgebiet und entsprechend Stichprobengröße: Einsatz von 200 bis 400 Interviewern der GFM-GETAS, mit Erfahrung in der Durchflihtung sozialwissenschaftlicher Forschungsprojekte. Ergebnisse: Die Daten werden in Form eines bereinigten Datensatzes (iterativ gewichtet) auf Diskette (oder Magnetband) übergeben. Zusätzlich wird ein Methodenbericht über alle Einzelheiten der technischen Studiendurchführung erstellt. Auswertungsarbeiten können gesondert angeboten werden (siehe unten). Sonderwünsche/Modifikationen: Auftragsspezifische Sonderwünsche, wie z.b. Stichprobenenveiterungen (Regionale Aufstockung, Herabsetzung der unteren Altersgrenze u.a.), oder eine Ergänzung des mündlichen Interviews mit schriftlichem Zusatzbogen oder die Übernahme von Auswertungsarbeiten (Grundauswertung und weiterfuhrende Analyseverfahren, z.b. multivariate Auswertungen, sowie graphische Ergebnispräsentationen) und andere Spezifikationen können gegen gesonderte Rechnungstellung erfolgen. Der SOZIALWISSENSCHAFTEN-BUS kann auch als Ausgangsstichprobe fur Längsschnitt-Studien genutzt werden. Preise SOZIALWISSENSCHAFTEN-BUS 1995 Die Abrechnung fur die einzelnen Einschaltungen erfolgt nicht nach Anzahl und Art der Einzel-Fragen, sondern nach dem insgesamt vorgesehenen resp. benötigten Behgungs-Zeitaufwand fur den gesamten Einschaltkomplex. Der von uns zugrunde gelegte Minuten-Preis entspricht dabei im Mittel einem Fragenpreis von Mark in einer 2.000er Stichprobe. In diesem Preis ist bereits eine dem Gesamtaufwand der Einschaltung normalenveise entsprechende Anzahl von Behgungshilfen (z.b. Listen, Kärtchenspiele, Skalenvorlagen) eingeschlossen. Allen Preisen ist die gesetzliche Mehrwertsteuer hinzuzurechnen. Andere Stichprobenmodifikationen sowie die Einschaltung von Einzelfragen werden nach Aufwand kalkuliert. Bei Mehrfacheinschaltungen ist ein Sonderrabatt möglich.

75 74 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November 1994 Kosten pro Minute bei einem unter 15 Minuten Einschalt-Umfang von Minuten und mehr Belegung: Gesamt-Bus, n = (n = Westln = Ost) DM DM Sonderbelegungera: n = in nur einem Teilgebiet DM DM n = in nur einem Teilgebiet DM DM Im Preis sind folgende Leistungen enthalten: Die Beratung bei der Fragenkonstruktion. Die Nutzung des Grundmoduls der ZUMA-Standarddemographie. s Pretestdurchführung und – auswertung. Schreiben und Druck der Befiagungsunterlagen. o Durchführung der Feldarbeit inclusive Interviewerkontrollen. Q Datenerfassung und -bereinigung. 0 Übergabe der analysefähigen, iterativ gewichteten Datensätze wahlweise auf Magnet- Q band oder auf Diskette. Methodenbericht. 0 Zusätzliche Designwünsche wie Splits, aufwendiges Vorlagematerial, postalische Zusatzbearbeitung etc., sowie die Texterfassung, das Kopieren oder die Vercodung von offenen Fragen oder Berufsangaben können gegen gesonderte Rechnungsstellung jederzeit eingerichtet werden. Termine SOZIALWISSENSCHAFTEN-BkT$l1995 Bus V95 Bus IV95 Bus Pretestbeginn: Hauptfeldbeginn: Hauptfeldende: Datenauslieferung: Der letzte Abgabetermin für die einzuschaltenden Fragen ist jeweils vier Wochen vor Pretest- Termin, bei Verzicht auf eine ~retest-überprüfung 14 Tage vor Beginn des Hauptfeldes. Zuständig für Anfragen und Beratung: Dr. Jürgen Homeyer Zlotnik, ZUTWA, Mannheim, Tel. : Sabine Haars-Schwarten, GFM-GETAS, Hamburg, Tel.:

76 Mitteilungen 75 ALLBUS 1994 VERFÜGBAR m Frühjahr dieses Jahres wurde die Allgemeine Bevölkerungsumhge der Sozialwissen- I schaften (ALLBUS) zum neunten Male durchgefuhrt. Wie bereits in den vorangegangen Jahren 1991 und 1992 fand die Erhebung in beiden Teilen Deutschlands statt. Zum Einsatz kam eine disproportionale Stichprobe von Personen in den alten Bundesländern (incl. West- Berlin) und in den neuen (icl. Ost-Berli). Die Grundgesamtheit der Umfrage bildete die erwachsene Wohnbevölkerung in Pnvathaushalten. Der ALLBUS dient der Erhebung und Verbreitung repräsentativer Primärdaten für die Sozialwissenschaften. Die Umhge wird seit 1980 regelmäßig alle zwei Jahre mit einem teils konstanten, teils variablen Fragenprogmmm durchgefuhrt, das zentrale Bereiche der empirischen Sozialforschung abdeckt. Die Konzeption und Durchmhrung der Umhge liegt in den Händen der Abteilung ALLBUS beim Zentrum für Urnhgen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim. Sie erfolgt in Abstimmung mit einem wissenschaftlichen Beirat. Die Archivierung und Weitergabe der Daten betreut das Zentralarchiv fur empirische Sozialforschung in Köln. Beide Institute sind Mitglied der Gesellschaft SozialwissenscMicher -ichtungen (GESIS), die vom Bund und den Ländem gefördert wird. Inhaltlicher Schwerpunkt des ALLBUS 1994 ist das Thema „Soziale Ungleichheit und Wohlfahrtsstaat“. Zusätzlich wurden Einstellungen und Kontakte zu Gastarbeitern bzw. in Deutschland lebenden Ausländem, das Vertrauen in Institutionen, die Beurteilung der whcmichen Lage und Entwicklung, Einstellungen nim Verhältnis zwischen alten und neuen Bundesbürgem sowie verschiedene politische Indikatoren erhoben. Wie in jedem ALLBUS wurden auch in der Umhge 1994 die demographischen Hiirgrundmerkmale des Behgten und seines engeren sozialen Umfeldes (Ehe- bnv. Lebenspartner, Vater und Mutter) detailliert afaßt. Das Fragenprogmmm 1994 stellt nim übewiegenden Teil eine Wiederholung aus früheren ALLBUS-Erhebungen dar. Für viele Fragen liegen fur Westdeutschland bereits Messungen aus den achtiger Jahren vor. Dies trifft insbesondere auf das Schwerpuddherna „Soziale Ungleichheit und Wohlfahrtsstaat“ – eine Replikation aus dem ALLBUS , aber auch auf die Eitellungen zu Gastarbeitern und das Vertrauen in Institdonen zu. Ei weiterer Teil der Fragen wurde bereits 1991 und 1992 sowohl in West- als auch in Ostdeutschland erhoben. Der ALLBUS 1994 bietet damit ausgezeichnete Möglichkeiten für die Analyse der Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen alten und neuen Bundesländern, für die Untersuchung des gesellschaftlichen Transformationsprozesses im Anschluß an die deutsche Vereinigung und fur die Erforschung des langfhsiigen sozialen Wandels in Westdeutschland.

77 76 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November 1994 Teil des ALLBUS 1994 ist wieder die jährliche Umfrage des International Social Survey Programme (issp), die 1994 „Familie und sich ändernde Geschlechtsrollen“ zum Thema hatte. Dabei handelt es sich überwiegend um eine Replikation der ISSP-Studie aus dem Jahre Behandelt werden U. a. die Arbeitsteilung im Haushalt, Einstellungen zur Rolle der Frau und des Mannes sowie die Bewertung von Ehe und Kindern. Die ISSP-Erhebung wurde als schriftlicher drop-off im Anschluß an das mündliche ALLBUS-Interview durchgern. Außer in Deutschland findet die Umfrage noch in 21 weiteren Ländern statt. Die ISSP-Daten stellen eine einzigartige Grundlage fur internationale Vergleiche dar. Während die ALLBUS- und ISSP-Umfrage 1994 thematisch eng an ihre Vorgängerstudien anknüpfen, unterscheiden sie sich in der Durchfiihmng in einem zentralen Aspekt von allen vorangegangenen Studien des ALLBUS-Programms: Statt des bisher beim ALLBUS verwendeten und in der Sozialforschung allgemein weit verbreiteten dreistufigen ADM-Stichprobensystems wurde beim ALLBUSASSP 1994 erstmals eine Gemeindestichprobe mit anschließender Ziehung von Adressen aus den Einwohnermelderegistem eingesetzt. Dieses Verfahren weist im Vergleich zum ADM-System verschiedene Vorteile auf An erster Stelle ist hier zu nennen, daß der Interviewereinfluß bei der Stichprobenziehung reduziert wird, weil – anders als beim ADM-System – vor Feldbeginn eine wohldefinierte Bruttostichprobe von Personenadressen vorliegt. Darüber hinaus kann bei dem neuen Vorgehen der ausländische Bevölkeningsteil bereits in der Stichprobenanlage angemessen berücksichtigt werden, das Ausfallgeschehen ist besser dokumentierbar und bei der Auswertung der Daten entfallt die beim ADM-System auf Personenebene vom Design her notwendige Gewichtung mit der Haushaltsgröße. Die Daten und das Codebuch des ALLBUS 1994 (incl. der deutschen ISSP-Erhebung) sind ab Dezember 1994 beim Zentralarchiv fur empirische Sozialforschung (Postfach , Köln, Dr. Michael Terwey, Tel ) verfügbar und können gegen einen geringen Betrag bezogen werden. Nähere Auskünfte zum ALLBUS 1994 erteilt Achim Koch bei ZUMA (Postfach , Mannheim, Tel ). Der internationale ISSP-Datensatz 1994 mit den Daten sämtlicher beteiligter Länder ist voraussichtlich ab Mitte 1996 erhältlich. In diesem Jahr wurde auch der kumulierte ALLBUS (ZANr. 1795) fertiggestellt. Er enthält alle Variablen aus den bisherigen ALLBUS-Erhebungen, fur die mindestens zwei Meßzeitpunkte vorliegen. Der Datensatz dient primär der Analyse sozialen Wandels, er kann jedoch auch – wenn die Fallzahl in den Einzelstudien zu gering ist – als gepoolter Datensatz zur Analyse kleiner Bevölkerungsgruppen (z. B. Arbeitslose) herangezogen werden. Seit Sommer dieses Jahres ist überdies der internationale Datensatz des ISSP 1992 (ZANr. 2310) zu „Sozialer Ungleichheit“ mit Daten aus 17 Ländern verfügbar. Beide Studien sind beim Zentralarchiv zu beziehen.

78 Mitteilungen 7 7 ALLBUS-BASELINE-STUDIE 1991 UND ALLBUS 1992: OST-WEST-GEWICHTUNG DER DATEN anz allgemein ändert eine Gewichtung die relative Wichtigkeit der Befragten. Ein Ge- G wicht ist ein multiplikativer Faktor, der auf einige oder alle Behgten in einer Umfrage angewendet wird und kleiner, gleich oder größer als eins sein kann. Angestrebtes Ziel der Gewichtung ist es zu erreichen, daß das Stichprobenprofil nach der Gewichtung dem tatsächlichen Profil in der Grundgesamtheit ähnlicher ist als im ungewichteten Fall. Bei der ALLBUS-Baseline-Studie und dem ALLBUS 1992 wurde Ostdeutschland bewußt überrepräsentiert, um eine ausreichend große Fallzahl für diesen Teil Deutschlands zu erzielen. Die im Codebuch angegebenen Anteile der Befragten für Merkrnalskategorien in Gesamtdeutschland sind daher nicht als Schätzung für die Anteilswerte in der Grundgesamtheit zu sehen. Solange bei den Analysen mit den ALLBUS-Daten Ost und West getrennt betrachtet werden, entstehen durch die Allokation keine Probleme. Will man jedoch eine Auswertung fi ganz Deutschland durchfiihren, ist durch eine Gewichtung die Disproportionalität der Teilstichproben auszugleichen. Je nachdem, ob Aussagen über Merkmale auf Haushalts- oder Personenebene getroffen werden sollen, ist hiefi die Zahl der Haushalte bnv. Personen über 18 Jahren in West- und Ostdeutschland entsprechend folgender Tabelle heranzuziehen. ~est 0st N Privathaushalte mit mindestens , , ,l einer Person von 18 Jahren und älter Privathaushalte mit mindestens ,O 6.642, ,6 einer deutschen Person von 18 ll~ahren und älter Personen in Privathaushalten, 18 Jahre und älter – Deutsche , , ,3 – Ausländer 3.937,6 100, ,9 – insgesamt , ,O ,2 die Ost- West-Gewichtung: Mikrozensus 1991 (eigene Auswertung in Statis-Bund, Fallzahlen mit Zufallszahlen überlagert; Angaben in Tsd.).

79 78 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 1 8., November 1994 Sind für ein Merkmal Y die (irgendwie berechneten) Werte t Wes, und t o, gute Schätm- gen für die Mittel (meist Anteile) ywe, und Tost in den Gesamtheiten West und Ost, so ist &t +%t eine gute Schätzung für das interessierende Gesamtmittel N West N Ost Diese Gewichtung ist unabhängig von der Art und Weise, wie die Schätzungen t West und t bestimmt werden. Insbesondere können in t West und t o, bereits Gewichtungen eingegangen sein. Wir betrachten im weiteren nur Schätzungen der Form t = Z W. y.. Sind alle Gewichte 1 1 wi gleich, entspricht dies einem Verzicht auf Gewichtung innerhalb der Teile Deutschlands. Für Vergleichsmecke werden die Gewichte wi allgemein grundsätzlich normiert. Im Westen wird die Summe der Gewichte auf den Umfang der Weststichprobe n West festgesetzt, im Osten auf den Umfang der Oststichprobe n o,. Treten in den Datensätzen bei den interessierenden Merkmalen Missing Values auf, sind diese als eigene Kategorie zu behandeln. Bei Schätzungen von Anteilswerten fkr Gesamtdeutschland sind die Gewichtungsfaktoren N n West o im Westen: – W und im Osten: i „~est N~st W. „~st zu verwenden, wobei n = n West + nost der Umfang der Stichprobe ist. Wir geben fur den Datensatz des ALLBUS 1992 ein Beispiel dafur: Wenn man eine Auswertung für Gesamtdeutschland vornehmen will, so ergibt sich folgende Gewichtung auf Personenebene W. = 1,1982~. o im Westen: ,2 1 o im Osten: W. = 0,5856~ ,2 1 Das bei der Baseline-Studie und beim ALLBUS 1992 eingesetzte ADM-Stichprobenverfahren wählt nur die Haushalte gleichwahrscheinlich aus. Die Auswahiwahrscheinlichkeit des einzelnen Befragten hängt von der Zahl der Personen im Haushalt ab, die zur Zielgesamtheit der ALLBUS-Umfrage zählen – der reduzierten Haushaltsgröße. Bei der Analyse von Frage-

80 Mitteilungen 79 stellungen auf Personenebene ist deshalb im Prinzip die Transformationsgewichtung (Designgewichtung) in beiden Teilen Deutschlands zu berücksichtigen. In der Forschungspraxis wurde und wird dieser Forderung jedoch in aller Regel nicht entsprochen. Dies hat seinen Grund nicht zuletzt darin, daß die Verwendung des Transformationsgewichtes eine exakte Realisierung des Stichprobenplans voraussetzt. Es stellt dann eine korrekte Schätzung der Auswahlwahrscheinlichkeit dar, wenn entweder gar keine Ausfalle auftreten – mithin also eine hundertprozentige Ausschöpfung erzielt wurde – oder wenn die verzeichneten Ausfalle sich rein zufällig verteilen. Beides ist in der Umfi-agepraxis normalerweise nicht der Fall. Durch die Ausfalle bedingt ist die reduzierte Haushaltsgröße in Wirklichkeit nur eine mehr oder weniger gute Approximation fur die Designgewichtung. Will man trotz dieser Überlegungen eine solche Gewichtung verwenden, dann ist mächst die Variable,,reduzierte Haushaltsgröße“ zu bilden. Im ALLBUS 1992 zieht man hierzu die Variable V390 heran und codiert die echten Einpersonenhaushalte bei dieser Variablen von 0 auf 1 um, da die reduzierte Haushaltsgröße in diesem Fall natürlich den Wert 1 haben muß. Die 16 Fälle, die bei der Variablen V390 als Missing Values (99) deklariert sind, werden mit Hilfe der Altersangaben der weiteren Haushaltsmitglieder aus der sogenannten Haushaltsliste berichtigt. Für die Fälle mit den Identifikationsnurnmem (V2) und ersetzen wir den Wert 99 durch die reduzierte Haushaltsgröße , 756,759,975, 1633,2017,2376,2701,3368,3870,4262,4479, und 4520 ersetzen wir den Wert 99 durch die reduzierte Haushaltsgröße ersetzen wir den Wert 99 ebenfalls durch die reduzierte Haushaltsgröße 2 (häufigster Wert), obwohl hier keine weiteren Altersangaben vorliegen und auch andere Werte aufgrund Geschlecht und Familienstand der anderen Haushaltsmitglieder denkbar wären. Im Westen sind 4687 erwachsene Personen in den 2400 Haushalten des Datensatzes, im Osten sind es 2262 erwachsene Personen in den 1148 Haushalten des Datensatzes. Berücksichtigt man beim ALLBUS 1992 in W. die Designgewichtung, so berechnet sich 1 V390 + im Westen W. = – nwest = 0, V im Osten W. = – nost = 0,5075. V

81 80 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November 1994 Als Gesamtgewichte erhält man beim ALLBUS 1992 daher fiir die Datensätze + im Westen 0,6136. V390 + im Osten 0,2972. V390 Andere Gewichtungstypen, wie z.b. die Anpassung an externe Daten, können analog eingebaut werden. Als Zahlenbeispiel fw obige Ausfuhningen geben wir die Variablen V198 (Familienstand; Tabelle 1 im Anhang) und V308 (Sind die Kinder getauft; Tabelle 2 im Anhang) an, bei denen entweder die Designgewichtung oder die Ost-West-Gewichtung einen großen Einfluß auf die Ergebnisse hat. Das folgende SPSS Programm liefert etwa die letzte Spalte in den Beispieltabellen: GET /FILE ‚allbl92.s~~ /KEEP V2 V3 V390 V198 V308. IF (V390 EQ 0) V390=1. IF (V2 EQ 2251) V390=1. F (V2 EQ 3599) V390=1. IF (V390 EQ 99) V390=2. IF (V3 EQ 1) GEWICHT =0.6136*V390. IF (V3 EQ 2) GEWICHT =0.2972*V390. WEIGHT by GEWICHT. FREQ / VARIABLES= V198 V308. Es ist Mar, wie bei der Schätzung eines Anteils in Untergruppen vorzugehen ist. Soll etwa unter den Personen mit Kindern der Anteil derer geschätzt werden, deren Kinder nicht getauft sind, so erhält man bei Verwendung der Ost-West- und Designgewichtung sowie bei Vernachlässigung der Missing-Value-Klasse“ als Schätzwert 13,8/(100-26,7-0,l). 100 = 18,8%.

82 Mitteilungen 81 Anhang Tabelle 1: Variable V198,,Familienstandb‘ WEST OST GESAMT Kategorie verh.zus. verh.getr. verwitwet geschieden ledig ungewichtet 58,8 1,2 11,3 6,l 22,7 100% DESIGNgewichtet 67,3 0,7 69 4,4 20,7 100% ungewichtet 67,l 0,5 8,1 8,4 15,9 100% DESIGNgewichtet 74,3 0,4 4, ,6 100% ungewichtet 61,5 1,o 10, ,5 100% OSTNEST gewichtet 60, , ,4 100% OSTNEST DESIGNgewichtet 68,6 0,6 65 4,8 19,6 100% 2400 Fälle 2400 Fälle Fälle Fälle 3548 Fälle 3548 Fälle 3548 Fälle Tabelle 2: Variable V308 Sind die Kinder getauft“ WEST OST GESAMT Kategorie ja nein nicht alle k.a. keine Kinder ungewichtet 62,4 5,5 0, ,3 DESIGNgewichtet 64,8 5,5 0, ,9 ungewichtet 28,4 47, ,O DESIGNgewichtet 28,5 49,O 4, ,7 ungewichtet 51,4 19,2 2,o ,3 OSTIWEST gewichtet 56,o 13,5 1, ,9 OSTIWEST DESIGNgewichtet 57,9 13,8 1, ,7 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 2400 Fälle 2400 Fälle 1148 Fälle 1148 Fälle 3548 Fälle 3548 Fälle 3548 Fälle

83 82 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18., November 1994 RUDOLF-WILDENMANN-GASTPROFESSUR FÜR INTERNATIONAL VERGLEICHENDE SOZIALFORSCHUNG z um Gedenken an den verstorbenen Gründungsvorsitzenden von ZUMA hat die Mitgliederversarnrnlung des Vereins arn 5. Oktober 1994 die Schaffung einer Rudolf- Wildenrnann-Gastprofessur beschlossen. ZUMA möchte damit das Wirken von Rudolf Wildenmann als einem Bahnbereiter der Empirischen Politikforschung und Gestalters der sozialwissenschaftlichen Infrastruktur in Deutschland und Europa würdigen. Die Gastprofessur wird jährlich ausgeschrieben und soll Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland die Möglichkeit geben, bei ZUMA zu Themen der Vergleichenden Empirischen Politik- und Sozialforschung zu arbeiten. Die erstmalige Ausschreibung der Rudolf- Wildenmann-Gastprofessur wird im Januar 1995 erfolgen.

84 Publikationen 83 BUCHBESPRECHUNGEN as gewählte Thema verspricht zunächst D in vieler Hinsicht, eine interessante und spannende Abhandlung zu sein. Frithjof H. Knabe: „Unter der Flagge des Gegners. Wertewandel im Umbruch in den Streitkräften – von der NVA zur Bundeswehr“. Studien zur Sozialwissenschaft Bd. 146, Westdeutscher Verlag: Opladen Seiten. 54 Mark. ISBN X. Erstens ist die Nationale Volksarmee der DDR (NVA) eine fur Sozialwissenschaftler – selbst aus der DDR – bisher weitgehend unzugängliche Institution gewesen. Sie war als ein Teil des sogenannten X-Bereiches für empirische Betrachtungen tabu. Zweitens ist die wissenschaftliche Analyse subjektiver Einstellungen von Angehörigen des 0%- zierskorps der ehemaligen NVA (vor allem die Dienstgrade Major, Oberstleutnant und Oberst werden untersucht) zugleich die Betrachtung einer bestimmten Eliteschicht der untergegangenen Gesellschaft, die eine besondere Verantwortung für das gescheiterte System trägt. Drittens verspricht die Aufdekkung der Rolle der „schlagkraftigsten Armee des Ostblocks“ (D. Claessens, im Vorwort S. 10) im Herbst 1989 Aufschlüsse über die Gründe des fi-iedlichen Verlaufs der Wende. Daß das widerstandslose Verschwinden der NVA nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit war, leuchtet sehr schnell ein, wenn man insbesondere den Abschnitt über das Feindbild dieser Armee in bezug auf die NATO liest. Generell ist viertens die Analyse des Wertewandels ein wesentlicher Beitrag m Verständnis des gegenwärtigen Transfonnationsprozesses. Schließlich handelt es sich um die Anwendung einer besonderen Methodik. So ist die retrospektive Behgung ein sozialwissenschaftliches Instrument, das besondere Anforderungen an seine Handhabung stellt. Die Abhandlung verspricht von daher einerseits wichtiges Material für die Erforschung der Vorgeschichte der Wende. Zum anderen sind Aufschlüsse über das Funktionieren dieser exklusiven Methode selbst von Interesse. Aus jedem dieser genannten Aspekte für sich allein erwächst bereits ein hoher theoretischer und methodologischer Anspruch. Die selbstgestellte Aufgabe, eine retrospektive Behgung der veränderten Wertvorstellungen einer Elite vomehrnen, die einen untergegangenen Staat gestützt hat und die einer Institution angehörte, über die bisher faktisch keine sozialwissenschaftlichen Forschungsergebnisse vorliegen, stellt damit ein Vorhaben von beachtlicher Dimension dar. Die Darstellung gliedert sich in vier Abschnitte, wobei im ersten Teil der Werte-

85 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 wandel und die Theorie der kognitiven Dissonanz als theoretische Bezüge für die Hypothesenbildung behandelt werden. Die Beschreibung des benutzten methodischen Ansatzes, der Fallstudie, schließt sich an. Das dritte Kapitel bildet mit der Ergebnisdarstellung den Hauptteil der Arbeit. Hier werden u.a. eine schriftliche Befragung von 383 Berufssoldaten der NVA (davon 2 l l Ofiziere) und 43 Experten- und Gruppengespräche mit Berufssoldaten aller Fhgsebenen ausgewertet. In den Schlußbemerkungen werden die Ergebnisse in das theoretische Konzept eingeordnet. Die Anlage enthält vor allem eine Dokumentation der Interviews. Die Einlösung des weitgesteckten Anspruchs kann insgesamt nur als bedingt gelungen eingeschätzt werden. An dieser Stelle soll aus der Vielzahl bestehender Kritikpunkte lediglich auf die methodischen Implikationen eingegangen werden. Der besondere Wert des Buches liegt in der ausführlichen Wiedergabe der Gesprächsprotokolle der Zeitzeugen. Vom Autor wurden teilstandardisierte Interviews und andere qualitative Ansätze benutzt, um rückblickend Informationen über die Zeit bis 1989, über Erlebnisse während der Wende – besonders die Schilderungen der ersten Begegnungen zwischen Soldaten der Bundeswehr und der NVA (S. 123 E) sind hier beeindruckend – sowie über Probleme des aktuellen Lebens zu gewinnen. Den Schwerpunkt des Buches bildet die Beschreibung der Ergebnisse dieser Erhebungen. Mit zahlreichen Zitaten wird ein lebendiges Bild der Meinungen von Ofizieren der NVA über das Ende der DDR und vor allem Versuche, den eigenen Anteil daran aufniarbeiten, gezeichnet. Wie nicht anders zu erwarten, schildern die damaligen Offiziere die vergangene Situation mit ihren inzwischen gewonnenen Erfahrungen. Ihre Darstellungen besitzen allerdings kaum selbstkritischen Charakter (z.b. über die eigene Rolle und Verantwortung als Mitglied der DDR-Elite beim vorangegangenen Niedergang des Gesellschaftssystems). Es dominieren dafür, und gerade dies ist methodisch besonders interessant, Elemente, die selbstrechtfertigenden Charakter tragen. Man kann an zahlreichen zitierten Textstellen belegen, wie Elitemitglieder ihren eigenen Anteil am Debakel des Staates jetzt verdrängen und uminterpretieren. Dem Leser wird klar, welcher Konstruktionen sich heute einige der ehemals Verantwortlichen bedienen, um von eigener Schuld abzulenken. Es wird auch klar, daß fiir viele diese Aufarbeitung ein komplizierter und für einige sogar ein schmerzhafter Prozeß ist. Es ist ein deutlicher Mangel der Arbeit, daß über die Differenz, die zwischen der faktischen Schilderung einer zurückliegenden Situation und deren nachträglicher Bewertung besteht, nicht reflektiert wird. Außerdem sollte (z.b. durch den Gebrauch des Konjunktivs) unbedingt herausgestellt werden, an welchen Stellen der Autor lediglich die Meinungen der Befragten referiert und bei welchen Bemerkungen es sich um eigene Stellungnahmen handelt. Hier ergibt sich eine methodisch wichtige Erkenntnis: Die Gefahr bei der gewählten Vorgehensweise (die Interviews von Mitgliedern der Elite wurden ausschließlich

86 Publikationen durch den Autor selbst gefiihrt) besteht darin, daß im Kornmunikationsprozeß ein emotionales Verhältnis zu den Befragten aufgebaut wird und damit der notwendige wissenschaftlich-objektive Abstand gegenüber den Untersuchungspersonen verloren geht. Ein solcher Distanzverlust wird an verschiedenen Stellen deutlich, insbesondere dort, wo (2.B. S. 119) die Behgten über ihre Rolle während der politischen Wende nachdenken und berichten. Auch in den jeweiligen Zusammenfassungen ist viel zu oft der Abstand zu den Problemen der behgten Personen zu vermissen, den ein objektiver Beobachter bei der Analyse einer wissenschaftlichen Erhebung einzunehmen hat. So ist es dann auch fast folgerichtig, daß an einigen Stellen die Interpretation der Aussagen der ehemaligen NVA-Offiziere zu unkritisch erfolgt, beispielsweise auf Seite 112: „Die Probanden fuhlten sich mehr zum Volk hingezogen, als zur SED.“ Hier wäre ein größerer wissenschaftlicher Abstand und zugleich ein (methoden-)kritischerer Gebrauch des Instruments retrospektiver Interviews – mit ehemaligen Angehörigen der Elite – über deren eigene Rolle zu wünschen und zu erwarten gewesen. Überhaupt hätten stärker methodenkritische Betrachtungen über Möglichkeiten, aber auch Grenzen und Gefahren bei der Nutzung dieser spezifischen Erhebungsmethode einfließen sollen. Die mit Sicherheit äußerst interessanten persönlichen Erfahrungen des Autors (und Interviewers) beim Umgang mit der Methode einer retrospektiven Elitebehgung verdienten es, aus methodologischer Sicht ausfiihrlicher beschrieben zu werden, dies auch deshalb, weil deren Anwendung bisher noch nicht allzu verbreitet ist. Ein weiterer methodischer Vorbehalt betrifft den Abschnitt mit den Schlußbemerkungen (S. 187 E). Hier wird auf der Grundlage der vorgenommenen Analyse unzulässig verallgemeinert: „Die neue Teilung der Gesellschaft besteht in jenen die Arbeit haben und jenen, denen es nicht möglich ist, Arbeit zu finden. Die neue Teilung der Gesellschaft vollzieht sich in der Einordnung von Täter und Opfer, in der Unterscheidung von jenen mit ‚weißer‘ und jenen mit ‚befleckter‘ Weste, in der Einordnung von Millionen Menschen als ’systemnah‘ und somit zur Abwertung und Ausgrenzung als ‚politische Altlast‘, und diese Stigmatisierung vollziehen Deutsche gegen Deutsche“ (S. 188). Hier handelt es sich lediglich um die subjektive Ansicht des Autors, die Ableitung einer solchen weitreichenden Schlußfolgerung aus den gewen Interviews ist indes umlässig. Begrußenswert wäre bei der Bearbeitung derartig komplizierter Sachverhalte prinzipiell auch eine Einbeziehung weiterer Materialien (z.b. Akten des Ministeriums fur Staatssicherheit, Gerichtsprotokolle der sogenannten Mauerschützen-Prozesse, literarische Dokumente oder Ergebnisse anderer sozialwissenschaftlicher Erhebungen) und deren Gegenüberstellung mit den Aussagen der Mitglieder der NVA-Elite. Allerdings würde dies das Vermögen eines einzelnen Autors übersteigen und den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Auf diese Weise wären jedoch die Aussagen der Offiziere zu validieren gewesen.

87

88 Publikationen Vertreter unterschiedlichster Disziplinen haben sich während der letzten Jahrzehnte mit der Frage beschäftigt, wie Kooperation in sozialen Dilemmata dennoch möglich ist. Der vorliegende Sammelband faßt 24 Beiträge m dieser Thematik, die alle auf zwei internationalen Konferenzen im Sommer 1992 in Bielefeld vorgestellt wurden, zusammen. Die Beiträge wurden anschließend einem Begutachtungsverfahren unterzogen, was mit ein Grund dafur sein mag, daß die Qualität der meisten (nicht aller) Papiere deutlich über dem liegt, was man sonst so von Sammelbänden gewohnt ist. Die Beiträge geben einen guten Überblick über die gegenwärtigen Forschungsaktivitäten zu sozialen Dilemmata, wobei die drei auf diesem Gebiet gegenwärtig am weitesten verbreiteten Methoden zum Einsatz kommen: Laborexperimente mit Studenten, Computer-Simulationen und spieltheoretische (mathematische) Modelle. Die Mehrzahl der Beiträge benützt Experimente nir Beantwortung der Frage, in welchem Umfang in bestimmten Dilemma-Situationen Kooperation aufhitt. Einige Beispiele: Hat die Position eines Spielers bei sequentiellen Entscheidungen einen Einfluß auf die Kooperationsneigung? Spielen Gemütsverfassungen und Fairneß-Kriterien eine Rolle? Wie hängt das Niveau der Kooperation von der Gruppengröße ab? Welche Wirkungen haben Kommunikations- und Lernprozesse? Die Beiträge, die Computer-Simulationen benutzen, untersuchen mehrheitlich die von Robert Axelrod aufgeworfene Frage, ob und unter welchen Bedingungen sich kooperative Strategien in wiederholten Spielen (sogenannten Superspielen) durchsetzen können. Dabei zeigt sich interessanterweise, daß Kooperation unter verschiedensten Bedingungen entstehen kann. Die analytischen Papiere beschäftigen sich mit verschiedensten Themen: Wie man sozialen Raum erfassen kann; Unter welchen Umständen Altruismus entstehen kann; Wie Lernprozesse im Gefangenendilemma ablaufen; Wie Menschen verhandeln. Insgesamt kann man den vorliegenden Sammelband allen empfehlen, die auf dem Gebiet sozialer Dilemmata forschen. Er vereint eine Vielzahl von aktuellen Forschungsarbeiten zu dieser Thematik. Für diejenigen Wissenschaftler aber, die eine Einflihrung in das Forschungsgebiet suchen, ist der Band sicher weniger geeignet, denn fast alle Beiträge sind sehr speziell, auf eine bestimmte Forschungsfrage ausgerichtet. JOSEF BRUDERL

89 88 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 PUBLIKATIONEN P. Ph. Mohler (Hrsg.) Universität und Lehre. Ihre Evaluation als Herausforderung an die Empirische Sozialforschung. MünsterNew York: Waxrnann, ,80 Mark, br., 118 Seiten. ISBN ie von der Presse initiierten und publizierten Studien zur Bewertung von Universität D und Lehre luden zur methodischen Kritik ein. Will diese nicht im destruktiven verharren, hat sie aus dem Kritisierten zu lernen und bessere Methoden zur empirischen Erfassung des Gegenstandes aufzuzeigen. Sonst spielt man Leuten in die Hände, die von empirischer Prüfung komplexer gesellschaftlicher Sachverhalte nichts halten und lieber ideologische Indoktrination betreiben. In diesem Sinne sind in diesem Band Beiträge versammelt, die die Frage der Evaluation von Hochschullehre aus methodischer Sicht erörtern: J. Kriz (Die Wirklichkeit von (Vor-) Urteilen); S. Hornbostel/H. -D. Daniel (Das Spiegel-Ranking. Mediensensation oder ein Beitrag zur hochschulvergleichenden Lehrevaluation?); C. Tarnai/H. Grimm/D. John/R. Waterman (Studienbedingungen des Fachs Soziologie aus der Sicht seiner Studierenden); W. Bos (Was fallt ihnen zur akademischen Lehre ein?) H.-D. Daniel/M. Thoma/W. Bandilla (Das Modellprojekt „Evaluation der Lehre“ an der Universität Mannheim); H. Kromrey (Evaluation der Lehre durch Umfrageforschung?).

90 Publikationen 89 Michael Braun und Peter Ph. Mohler (7rlrsg.) Blickpunkt Gesellschaft 3. Einstellungen und Verhalten der Bundesbürger. Opladen: Westdeutscher Verlag ISBN Mark. m August 1994 ist der dritte Band der Reihe „Blickpunkt Gesellschaft“ erschienen. Wie seine I Vorgänger soll auch dieses Buch einen Beitrag zur allgemeinen Sozialberichterstattung und zur Analyse des sozialen Wandels in Deutschland leisten. Soweit wie möglich wurde an fnihere Beiträge in dieser Reihe angeknüpft und die Analysen durch die Berücksichtigung neuer Daten fortgeschrieben oder durch einen Wechsel der Perspektive vertieft. Die meisten Beiträge beschäftigen sich mit der Analyse des sozialen Wandels in Westdeutschland auf der Grundlage von teilweise mehr als zehn Jahre umfassenden Zeitreihen. Alle Artikel bieten einen Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland. Einige schließen zudem einen Vergleich Deutschlands mit anderen Ländern ein. Wie die beiden Vorgänger will auch dieser Band einen breiten Leserkreis der an sozialwissenschafilichen Fragestellungen Interessierten ansprechen. Der Reader enthält folgende Aufsätze: Stimmungsbilder nach der Wiedervereinigung (WO Bandilla); Krise der Politik oder Krise der Demokratie? Einstellungen zur politischen Ordnung in der Bundesrepublik P. Trometer/P. Ph. Mohler); Wandel der Einstellungen zu sozialer Ungleichheit in Deutschland und Ungarn (M Braufl. Kolosi); Gestörtes Verhältnis? Die Einstellungen der Deutschen zu Ausländern in der Bundesrepublik. (S. Kühnel/M Temey); Subjektive Umweltwahrnehmung – eine Trendbeschreibung (J. Blasius); Umweltrelevantes Verhalten im häuslichen Bereich (J. Harkness); Wandel der Einstellungen zur Rolle der Frau in Deutschland und den Vereinigten Staaten (M BraudD. F. Alwin/J. Scott); Erziehungsziele in West- und Ostdeutschland (M Feldkircher); Einstellungen zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs (A. Koch); Einstellungen und Verhaltensweisen der Bundesbürger zu HIV und AIDS (M Häder).

91 90 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 I. Borg Mitarbeiterbefragungen. Strategisches Aufbau- und Einbindungsmanagement. Göttingen: Verlag Hogrefe & Huber, Seiten, 58 Mark. ISBN M itarbeiterbehgungen werden seit den funfziger Jahren in der Industrie zur Messung von Meinungen und Einstellungen der Mitarbeiter eingesetzt. Ihr enormes Potential für die Organisationsentwicklung wurde bislang aber nur unvollständig genutzt. In diesem Buch werden Mitarbeiterbefragungen als Schritt eines integrierten Gesamtprozesses dargestellt. Dieser Prozeß wird als strategisches Auftau- und Einbindungsmanagement-Programm (AEMP) bezeichnet, weil durch die Behgung zunächst Bewegung durch Nachdenken und Diskussion über die angesprochenen Themen entsteht und dann durch Rückmeldung und die Planung1 Umsetzung von Aktionen Commitment gegenüber gemeinsamen Zielen und Transparenz bezüglich der eigenen Beitragsmöglichkeit erzeugt wird. Das AEMP besteht aus acht Phasen: Zieldehtion, Planung und Vorbereitung der Umhge, Durchfühmng der Umhge und Datenanalyse, Feedback und Diskussion der Befunde, Problem und Handlungsbedarfsanalyse, Aktionsplanung, Umsetzung und Vermarktung der Aktionen, Evaluation der Aktionen. Diese werden systematisch dargestellt und bisherige Lücken werden durch z.t. neue Verfahren geschlossen.

92 Walter de Gruyter Berlin New York Ingwer Borg Peter Mohler (Editors) Trends and Perspectives in Empirical Social Research X 24.0 Cm. VIII, 504 pages. Paper. DM 88,- / ös 687,- / sfr 181,- ISBN Cloth. DM 189,- 1 ös 1.474,- / sfr 181,- ISBN Trends and Perspectives in Empirical Social Research is a comprehensive and authoritative volume on the state of the art in a wide range of approaches, methods, and techniques put together by an international group of senior scholars from all branches of empirical social research. The volume includes chapters on social indicators, nationwide general social surveys, multinational surveys, cognitive and communicative aspects of survey measurement, official/census data, Computer-assisted interviews, sampling, statistics and measurement, scaling, facet theory, causal modeling, attitude measurement, multilevel models, phenomenology, hermeneutic approaches, and content analysis. From the Contents: Social lndicators Research: Societal Monitoring and Social Reporting (H.-H. Noll and W. Zapf) Nationwide General Social Surveys (J.A. Davis, P.Ph. Mohler, and T.W. Smith) Measurement in Multi-National Surveys (D.F. Alwin; M. Braun, J. Harkness, and J. Scott) Cognitive and Communicative Aspects of Survey Measurement (N. Schwarz; H. Bless, H.-J. Hippler; F. Strack, and S. Sudman) Secondary Analysis of Official Microdata (R. Alba, W. Müller, and B. Schimpl- Neimanns) Computer-Assisted lnterviewing in Social and Market Research (R. Porst, M. Schneid, and J.W. van Brouwershaven) The Study of Work Values: A Ca11 for a More Balanced Perspective (A.P. Brief and R.J. Aldag) Theory and Practice of Sample Surveys (H. Stenger and S. Gabler) Statistics and the Sciences (J. de Leeuw) Measurement: The Reasonable Ineffectiveness of Mathematics in the Social Sciences (P.H. Schönemann) Nominal, Ordinal, lnterval and Ratio Typologies are Misleading (P. Velleman and L. Wilkinson) Evolving Notions of Facet Theory (I. Borg) Factor Analysis in the 1980’s and the 1990’s: Some Old Debates and Some New Developments (J.H. Steiger) Hermeneutic Interpretation in Qualitative Research: Between Art and Rules (M. Lueger and J.H.P. Hoffmeyer-Zlotnik) On the Integration of Quantitative and Qualitative Methodological Paradigms / Based on the Example of Content Analysis (N. Groeben and R. Rustemeyer) Trends and Perspectives in Content Analysis (P.R. Schrott and D.J. Lanoue) Prices are subject to change without notice Walter de Gruyter & Co., P.O.Box , D Berlin Tel.: (030) , Fax: (030) Walter de Gruyter Inc., 200 Saw Mill River Road, Hawthorne, N. Y Phone: (91 4) , Fax: (91 4)

93 92 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 ZUMA-ARBEITSBERICHTE Nachfolgend sind die ZUMA-Arbeitsberichte, die seit Juni publiziert worden sind, in Form von Abstracts kurz dargestellt. ZUMA-Arbeitsberichte werden Interessenten auf Anfrage zugesandt. Bestellungen sind zu richten an: Zentrum fiir Umfragen, Methoden und Analysen ZUMA-Publikationen, Postfach ,68072 Mannheim Sabine Häder: Auswahlver$ahren bei Telefonumfiagen. ZUM-Arbeitsbericht 94/03. Der Arbeitsbericht gibt einen ausfuhrlichen Überblick über die in den letzten Jahren erschienenen Publikationen zum Thema Telefonstichproben, zeigt – unter Einbeziehung von Materialien der Telekom – praktische Anwendungen und weist auf methodische Probleme hin. Dabei stehen die Ermittlung von Zielhaushalten, die Auswahl der zu befi-agenden Personen innerhalb eines Haushaltes und Ausschöpfungsprobleme im Mittelpunkt der Darstellung. Ein Abschnitt ist der Diskussion über die gegenwärtigen Möglichkeiten von Telefonstudien in Ostdeutschland gewidmet. Peter Priiyer/Margrit Rexroth: Ein Vegahren zur Erjässung von Erhebungsproblemen bei Interviews der Haupstudie. ZUM-Arbeitsbericht 94/04. Trotz sorgfältiger Konstruktion und Vortests muß man davon ausgehen, daß Fragebogen von Hauptstudien keine absolut perfekten Meßinstmmente sind. Dies kann in der Interviewsituation zu Problemen bei der Erhebung fuhren, was sich in der Regel negativ auf die Datenqualität auswirkt. Im Arbeitsbericht wird ein Verfahren dargestellt, wie Erhebungsprobleme im Nachhinein, d.h. nach der Durchführung einer Hauptstudie, als solche identifiziert werden können. Dem Forscher wird damit die Möglichkeit geboten, Daten mit schlechter Erhebungsqualität aus dem Datensatz zu eliminieren. Michael Häder/Sabine Häder: Ergebnisse einer experimentellen Studie zur Delphi-Methode. ZUM-Arbeitsbericht 94/05. Das im Arbeitsbericht dargestellte Experiment sollte Aufschlüsse zur Validiemg der Ergebnisse von Delphi-Studien erbringen. Dazu wurden Experten gebeten, in drei Wellen (mit jeweiliger Rückinformation über die Ergebnisse der vorangegangenen Welle) die Ergebnisse ei-

94 Publikationen 93 ner Repräsentativ-Befiagung von Jugendlichen in Deutschland zu schätzen. Es zeigte sich, daß erstens die Schätzungen mehrheitlich nach drei Befiagungswellen näher an den wahren Werten liegen als nach der ersten Schätzung. Zweitens wurde festgestellt, daß die zusammengefaßten Gruppenergebnisse von höherer Qualität sind als isolierte Schätzungen nur einzelner Experten. Damit konnten zunächst zwei wesentliche Belege für das grundsätzliche Funktionieren des Delphi-Ansatzes gewonnen werden. Das Experiment lieferte darüber hinaus wichtige Hinweise auf sozialpsychologisch wirkende und methodische Mechanismen, die Gegenstand der weiteren Forschung zur Delphi-Methode sein werden. Bemhard Schimpl-Neimanns/Heike Wirth: Bestandsaufiahme und Nutzungsmöglichkeiten amtlicher Mikrodaten der DDR Jur Sekundäranalysen zur Bildungs- und Einkommensungleichheit. ZUM-Arbeitsbericht 94/06. In der DDR unterlagen die amtlichen Bevölkerungsstatistiken einer Reihe von Geheimhaltungsvorschriften. Wissenschaftlern der DDR war die Nutzung dieser Daten, von Ausnahmen abgesehen, nur in Form publizierter Ergebnisse möglich. Diese Veröffentlichungen erfolgten jedoch aufgrund politischer Vorgaben stark selektiv. Von den amtlichen Bevölkerungserhebungen der DDR liegen noch eine Reihe von Einzeldaten maschinenlesbar vor, fur die diese Probleme veröffentlichter Ergebnisse nicht zutreffen. Diese Einzeldaten sind eine wichtige und unersetzliche Informationsquelle, wenn es darum geht, ein verallgemeinerbares Bild über die Verteilung von Lebenslagen in der DDR-Gesellschaft zu erlangen. Mit dem Bericht sollen Möglichkeiten des Datenzugangs gezeigt und Anregungen fur die Sekundäranalyse gegeben werden. Dazu werden die Stichprobendesigns und Erhebungsprogramme der amtlichen Bevölkerungsumfi-agen beschrieben, wobei auch Aspekte der Validität und Vergleichbarkeit angesprochen werden. Das Analysepotential der Daten wird vor dem Hintergrund ausgewählter Fragestellungen der Sozialstnikturforschung zur Bildungsbeteiligung, Familiengründung, Einkomrnensverteilung und Lebensfiihmng exemplarisch dargestellt. Norbert Schwarz/Hans-Jürgen Hippler: Subsequent Questions May InJluence Answers to Proceeding Questions in Mai1 Suweys. ZUM-Arbeitsbericht 94/07. (Erscheint in: Public Opinion Quarterly.) Data of a mode experiment demonstrate that the emergence of context effects may be independent of question order under mail swey conditions. Under telephone interview conditions, substantively related questions affected responses to the target question only when asked first. However, the same questions affected responses under mail survey conditions independent of whether they preceded or followed the target question.

95 94 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Norbert Schwarz/Hans-Jürgen Hippler: The Numeric Values of Rating Scales: A Comparison of their Impact in Mai1 Suweys and Telephone Intewiavs. ZUM-Arbeitsbericht 94/08. (Erscheint in: International Journal of Public Opinion Research.) Respondents of a mode experiment were asked to rate politicians along 11-point scales with different numeric values, ranging ftom „don’t think very highly“ (0 or -5) to „think very highly of this politician“ (10 or +5). As predicted, all politicians received more favorable ratings along the -5 to +5 than along the 0 to 10 scale. Moreover, this effect was independent of the mode of data collection used, demonstrating that the impact of numeric values does not depend on their visual presentation. Norbert Schwarz: Cognition, Communication, and Survey Measurement: Some Implications for Contingent Valuation Suweys. ZUM-Arbeitsbericht 94/09. To assess the monetary value of nonmarketed goods, in particular environmental commodities, resource economists are increasingly turning to contingent valuation methods. The present paper discusses key issues that arise in designing questionnaires for contingent valuation surveys, drawing on recent research into the cognitive and communicative processes that underlie survey responses. Michael BraudReiner Trometer: ALLBUS-Bibliographie (13. Fassung, Stand: ). ZUM-Arbeitsbericht 94/10. Die ALLBUS-Bibliographie dokumentiert in jährlichem Abstand Arbeiten mit ALLBUS-Daten, die entweder in Büchern oder FachzeitschriRen veröffentlicht oder in Form prinzipiell zugänglicher Arbeitsberichte einem wissenschaftlichen Publikum vorgelegt worden sind. Berücksichtigt werden auch unveröffentlichte Diplom- oder Magisterarbeiten, Dissertationen und Habilitationen. Die vorliegende aktualisierte 13. Fassung der ALLBUS-Bibliographie enthält 359 Arbeiten und damit 27 mehr als im Vorjahr. Berücksichtigt wurden auch Veröffentlichungen, die auf Daten der ISSP-Plus-Studie und der ALLBUS-Baseline-Studie beruhen.

96 Tagungen ie vorläufige Planung der ZUMA-Tagungen des Jahres 1995 wird hier im ersten Über- D blick bekanntgegeben. Pro Halbjahr werden die anstehenden Tagungen in den ZUMA- Nachrichten separat angekündigt, mit Erläuterungen zum Tagungsthema, dem Prograrnrnüberblick, dem Teilnehmerbeitrag und der maximalen Teilnehmerzahl. Es gibt drei Arten von ZUMA-Tagungen: Der Workshop dient der Fortbildung. Hier werden neue SoRware oder weniger bekannte Verfahren der Datenerhebung oder -analyse vorgestellt, vertieft undloder geübt. Die Teilnahme steht jedermann offen. Allerdings sind die Teilnehmerzahlen aus veranstaltungstechnischen Gründen beschränkt. Bei Workshops mit ~ ~~-Übun~en können maximal 20 Personen teilnehmen, bei anderen Workshops sollte eine Teilnehmerzahl von 30 nicht überschritten werden. Der Teilnehmerbeitrag wird dem jeweiligen Kostenaufwand entsprechend kalkuliert und ist der separaten Tagungsankündigung zu entnehmen. Die Teilnahmegebühren für ZUMA- Workshops reduzieren sich fur Studenten und arbeitslose Wissenschaftler auf die Hälfte des jeweils angegebenen Beitrags, mindestens jedoch 25 Mark; fur Teilnehmer aus den neuen Bundesländern reduzieren sich die Teilnahmegebühren auf den Anteil Ihres Gehalts, gemessen an entsprechenden Positionen in den alten Bundesländern. Dieser reduzierte Teilnehmerbeitrag ist bei der Anmeldung unter Angabe des Beschäftigungsstatus zu beantragen. Das Symposium ist als Gesprächsrunde ausgewählter und eingeladener Experten zu verstehen. Thema ist in der Regel ein Schwerpunkt der aktuellen ZUMA-Grundlagenforschung. Das Symposium dient dem Erfhhrungsaustausch und ist nur in Ausnahmefällen einem kleinen, über die Runde der geladenen Experten hinausgehenden Kreis von Interessenten zugänglich. Die Konferenz bietet einen Bereichsüberblick, z.b. über den aktuellen Stand der Software- Entwicklung. Der Referentenauswahl geht ein „call for papers“ voraus. Der Teilnehmerkreis ist offen, die Teilnehmerzahl nicht limitiert. Die jeweilige Teilnehmergebühr ist aus der separaten Ankündigung ersichtlich. Die Anmeldung zu den einzelnen ZUMA-Tagungen erfolgt über das ZUMA-Tagungssekretariat, Postfach , Mannheim. Für inhaltliche Rückhgen ist der ZUMA-Betreuer Ansprechpartner. Verantwortlich fur die Koordination der Tagungen und des Tagungssekretariates ist Jürgen H.P. Hoffmeyer-Zlotnik.

97 96 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 ÜBERSICHT ÜBER DIE VERANSTALTUNGEN 1995 Veranstaltung Thema Datum Betreuermeferenten Workshop Stichprobenverfahren Februar Gabler Wiedenbeck Workshop Stnictural Equation Modeling with PRELIS 2 and LISREL März Jöreskog Faulbaum Konferenz SofiStat ‚ März Faulbaum Workshop Structurai Equation Modeling with EQSI Widows Version März Bentler Faulbaum Workshop (Echte) Kausale Modellierung April Steyer Workshop International vergleichende Forschung in Europa Mai Hoffmeyer-Zlotnik Mohler Symposium Regionalisierung von Umkgen Juni Hoffmeyer-Zlotnik Workshop Die Beschäftigtensiatistik als Datenbasis fur Arkitsmarktanalysen September Schimpl-Neimanns Konferenz Text Analysis and Computers September Mohler Workshop Interkulhirell vergleichende Demographie Oktober Hoffmeyer-Zlotnik Mohler Workshop Computerkartographie Oktober Hoffmeyer-Zlotnik Krarner

98 Tagungen Workshop Multiple Gruppenvergleiche mit Sinkturgieichungsmodellen 2. Hälfte Oktober Schmidt Workshop Lebensqualität in den 90er Jahren: Neue Wohl fahrtskonzepte und Wohlfahrtsmaße November No11 Workshop Einführung in die computerunterstützte Inhaltsanalyse mit TEXTPACK PC November Geis/Mohler/Züll Workshop,,Stichprobenverfahren6′ 7. und 8. Februar 1995 er Workshop gibt einen Überblick über theoretische und praktische Aspekte der Stich- D probenbildung und -realisierung in sozialwissenschaftlichen Umfragen. Er umfaßt neben der Behandlung der klassischen Stichprobenpläne, wie uneingeschränkte, größenproportionale, systematische, geschichtete, mehrphasige und mehrstufige Zufallsauswahl, auch nichtklassische Ansätze, wie z.b. Quotenverfahren und Schneeballstichproben. Design- und modellbasierte Schätzer werden vorgestellt. Im stichprobenpraktischen Teil des Workshops werden das ADM-Verfahren und der Stichprobenplan des ALLBUS besprochen, sowie Gewichtung und Nonresponse diskutiert. Telefon- und Panelstichproben ergänzen das Angebot, ebenfalls eine Übersicht über das Feldgeschehen bei Erhebungen. Interessenten werden gebeten, sich bis zum 10. Januar 1995 beim Tagungssekretariat von ZUMA anzumelden. Für die Teilnahme wird ein Betrag von 40 Mark erhoben. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen begrenzt. Referenten beim Workshop sind Siegfi.ied Gabler, Sabine Häder, Jürgen H.P. Homeyer-Zlotnik, Achim Koch und Michael Wiedenbeck.

99 98 ZUM-Nachrichten 35, Jg. 18, November 1994 Workshop:,,Structural Equation Modeling with PRELIS 2 and LISREL 8″ 25. und 26. März 1995 m Zusammenhang mit der SoftStat ’95 wird Kar1 G. Jöreskog (Universität Uppsala) einen I zweitägigen Workshop über PRELIS 2 und LISREL 8 durchführen. Der Workshop betont besonders die Verfahren zur Analyse ordinaler Variablen und spricht im einzelnen folgende Themen an: Aspects of Structural Equation Models; Scale Types and Variables; Multivariate Data Screening and Sumrnarimtion; Covariance and Correlation Matrices; Asymptotic Covariance Matrices; Basic Ideas and Principles of LISREL Models, Path Diagrams; The SIMPLIS Command Language; Regression Models and Path Analysis; Structural Equation Models with Directly Obsemed Variables; Measurement Models and Confirmatory Factor Analysis; The Full LISREL Model, Errors in Variables and Errors in Equations; Principles of Fitting and Testing Models; Assessment of Fit, Fit Measures, Model Modification; Analysis of Ordinal Variables; Observed Variables and Underlying Variables, Thresholds; Polychoric and Polyserial Correlation; Measurement Models for Ordiil Variables; Panel Models for Ordinal Variables; Multivariate Multinomial Probit Models. Computer-Demonstrationen werden die methodischen Ausfuhningen begleiten. Der Workshop findet im Seminarraum SR 13 des Zentralbereichs Theoretikum (Gebäude 306) der Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 150 Mark. Vorausgesetzt werden Kenntnisse in Regressions-, Korrelations- und Faktorenanalyse. Die Anmeldung ist unabhängig von einer Anmeldung für die Softstat und sollte spätestens bis zum 21. Januar 1994 erfolgen. Die Organisation des Workshops liegt in den Händen von Frank Faulbaum. SOFTSTAT ’95: 8. Konferenz über die wissenschaftliche Anwendung von Statistik-Software März 1995 in Heidelberg D ie SoftStat-Konferenzen wurden 1981 vom Zentrum für Umhgen, Methoden und Analysen (ZUMA) ins Leben gerufen und finden seitdem regelmäßig alle zwei Jahre statt. Sie befassen sich mit dem Einsatz und der Untersuchung von Methoden und Werkzeugen der Informatik für die Statistik, insbesondere mit Neu- und Weiterentwicklungen, Anwendungen,

Top 7 zentrum für umfragen methoden und analysen mannheim tổng hợp bởi Tin nha dep

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